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Von
Walram Derichsweiler: Das Tavetsch/Tujetsch Hinter
dem Talgrund und der Strasse sieht man das Gebirge mit breiten, durch
steile Täler - Strem, Milar, Giuv und Val - gegliederten Sockeln zum
vergletscherten Grenzkamm zwischen dem Tavetsch und dem Urnerland
aufsteigen. Im Osten steht der Piz Gendusas 2982 m, der 1855 von
Theobald mit M. Bétemps zuerst erstiegen wurde, seinen Nordgrat
erkletterten 1903 P. Schucan und Fr. Weber. Den leichteren Aufstieg von
Sedrun aus kann man von hier vollständig überblicken. Breit riegelt
sein Südgrat mit dem Cuolm de Vi (Berg des Lebens) und dem eine
wunderbare Rundsicht bietenden Plaun grond (grosse Ebene) die
Tavetschermulde gegen die Disentisermulde ab. Grell leuchtet in seiner
Flanke das verästelte Absturzgebiet des Drun. Etwas verdeckt wird der
Piz Gendusas durch einen zackigen, eine schöne Kletterei bietenden
Felsgrat, dem P. Schucan und Fr. Weber den ersten Besuch 1913 machten
und den sie Stremspitzen nannten. Von den Tavetschern wird die ganze
Gegend mit Oberalpstock: und Piz Gendusas noch Piz Tgietschen genannt.
Gewaltig überragt wird der Piz Gendusas von dem westlich von ihm
erscheinenden Hauptgipfel des Tavetsch, dem Oberalpstock 3330 m, Piz
Tgietschen oder Piz Cotschen (Rotstock) von den Tavetschern genannt.
Heute braucht man nicht mehr sieben Stunden zu ihm durch die Val Strem
aufzusteigen, man hat es leichter, denn
die neue, 1928 eingeweihte Cavardirashütte der Sektion Winterthur liegt
nur 625 m unter dem Gipfel an der Cavardiraslücke. So ist der
Oberalpstock nun auch im Winter vom Vorderrheintal aus besteigbar, wie
zuerst der Disentiser Skiklub 1928 bewiesen hat. Das hätte Placidus
a Spescha wohl niemals gedacht, als er 1792 (nicht 1799, wie im
Clubführer steht) mit dem Tiroler Josef Senoner den als unbesteigbar
geltenden Berg als Erster über den Brunnipass bestieg. Als dabei
Senoner in eine Spalte fiel und ausrief: „Heiliger Antonius!“ meinte
Spescha: „Lass den heiligen
Antonius jetzt beiseite und hilf dir selbst aus dem Spalt!“ Es muss
dem Bergpater sehr gut da oben gefallen haben, denn zwei Jahre später
stieg er mit dem Pfarrer Hetz nochmals hinauf, ja 1812 zum drittenmal
mit einem zwölfjährigen Buben und seinem Hündchen. Tief
schneidet die rauhe Val Strem, von der Oberalpstocklücke überkrönt,
in den Gebirgsriegel ein, der Zugang zum Krüzlipass 2350 m, der durch
die Krüzlistöcke verdeckt wird, während seine rechte Begrenzung, der
zweigipfelige Weitenalpstock, als Felspyramide gut sichtbar ist. Dessen
Südgipfel, 3009 m, bestieg J. Sowerby 1866 zuerst, während der
Nordgipfel, 3015 m, erst 1902 von P. Schucan und Fr. Weber erobert
wurde. Mit breitem Vorbau fällt die Gegend der Krüzlistöcke über
durch Seelein unterbrochenen Fels und Schutt, Caschlè genannt (chischar
= Käsen), und die Alp gleichen Namens ins Tal ab gegen Rueras. Diese
Gegend da oben bietet einen sehr schönen Ausblick. Westlich wird das Caschlègebiet von der breiteren Val Milar begrenzt, welche oben in die Mittelplatten ausläuft, einem alten Seitenübergang zum Krüzlipass und ins Etzlital. A. Escher von der Linth und J. F. Cavegn überschritten den Grenzkamm 1840 hier. Dann schliesst sich nach links das Hauptschaustück des Tavetsch an, die Pyramide des Piz Ner (Schwarzberg), 3059 m, mit seinen Trabanten, dem Mutsch (Steinhaufen), 2792 m, und dem Culmatsch (grosser Berg), 2896 m. Der Mutsch wurde 1839 von Zeller-Horner mit Tresch bestiegen und der Culmatsch 1904 von P. Schucan und Fr. Weber, welche an fast allen Gipfeln dieser Gegend neue Kletteranstiege fanden. Auch
in die Val Giuv (giuv = Joch) kann man von hier blicken. Deutlich
erkennt man, wie der Giuvbach bei Mulinatsch (mulin =Mühle) durch den
den Wald Tschuppina (tschupi - Kranz) tragenden Querriegel umgezwungen
wird. Dieser Riegel trennt die grössere untere von der kleineren oberen
Tavetschermulde. Der gipfelreiche Felsabschluss der Val Giuf ist von der
Urnerseite her, von dem Etzli- und dem Fellital aus, zuerst bekannt,
benannt und bestiegen worden. Auf beiden Seiten des Kammes gibt es
verschiedene Namen für die gleichen Gipfel. Halb durch den Culmatsch
verdeckt, ist noch ein Teil des vom Piz Ner zum Piz Giuv führenden, in
der Nerlücke, 2890 m, überschreitbaren Hälsigrates sichtbar, welche
Lücke sicheren Skifahrern bei lawinenfreiem Wetter eine Abfahrt durch
die Val Giuv bis zur Oberalpstrasse ermöglicht. Der Piz Giuv, von den
Urnern Schattig Wichel genannt, erscheint mit seinem Nachbar, dem Roten
Wichel, 3085 m, von hier aus zahmer als von der Urnerseite. Der Giuf
wurde zuerst von Placidus a Spescha 1804 erstiegen, der Rote Wichel 1897
durch J. Mercier und Fr. Weber. Alle diese kristallreichen Berge bieten
schöne, teils leichte, teils schwierige Klettereien. In Dieni erinnert
ein Kreuz an einen Strahler Cavegn aus Rueras, der 1872 in der Val Giuv
abstürzte. Neben dem Roten Wichel, über dem westlichen Giuvgletscher,
erblickt man die Giuflücke, 2960 m, als breiten Sattel: ein Übergang
ins Fellital. Scharf heben sich westlich der Giuvlücke die Zacken der
Giufstöckli vom Horizont ab, welche hauptsächlich von Fr. Weber 1898
bis 1902 erstiegen wurden. Dann schneidet die Crispaltlücke, 2960 m,
ein, welche aber schon in dem die Val Giuf westlich begrenzenden Grat
liegt und daher zur Val Val hinüberführt. In seiner ganzen Länge
steht der scharfgeschnittene, fast horizontale Crispaltkamm (cresta
aulta = hoher Kamm) mit seinen schroffen, runsendurchzogenen
Seitenhängen vor uns, eine eigenartige Erscheinung, die auch den Alten
schon auffiel, weshalb sie die Gegend des Oberalppasses nach ihm, z. B.
1563 den Crispalgerberg nannten. Seine beiden durch eine Scharte
getrennten Gipfel, 3080 m und 3022 m, erscheinen von hier gleichhoch.
Der aussichtsreiche Crispalt6 wurde von Placidus a Spescha zuerst
bestiegen, er nennt ihn Denterglatschars (zwischen den Gletschern). Der
ganze Kamm ist überkletterbar. Mit einer breiten Tatze, dem Cuolm Val
ob Tschamut, greift er ins Tal hinein. |