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Man
darf nie vergessen, wie innere Zerissenheit die Schweiz im Jahre
1799 zum Kriegsschauplatz hat werden lassen, wo die Grossmächte,
Österreicher und Russen gegen Frankreich, ihren Streit
ausfochten. Mit dem Schlagwort der Revolution, „Freiheit,
Gleichheit, Brüderlichkeit“, waren die Franzosen über die
morsche Schweiz hergefallen. General Masséna regierte hier und
beherrschte den grössten Teil des Landes. Die Bevölkerung
hoffte, mit Hilfe der Österreicher, die über die Grenze gekommen
waren, die verhassten Franzosen aus dem Lande zu werfen.
Am
21. September 1799 brachen die Truppen Suworows von Lugano
Richtung Gotthard und Lukmanier auf, um dort die postierten
Franzosen zu vertreiben. Am 24. und 25. September fanden am
Gotthard und im Urnerland schwere Kämpfe statt. Nachdem die
Franzosen bis nach Flüelen zurückgeworfen waren, sah Suworow,
dass er in eine Falle geraten war. Die Strasse hörte hier auf,
und die Schiffe waren weg. Nach schweren Kämpfen erreichten die
demoralisierten Russen über den Kinzig- und Pragelpass am 4.
Oktober Glarus. Die zerlumpten Russen mussten dort auch die
gemachten Gefangenen freilassen, nachdem sie ihnen noch Stiefel
und Strümpfe abgenommen hatten. An ein weiteres Vorrücken gegen
die Linthebene war aber nicht mehr zu denken, umso weniger, als
den Russen nun auch noch die Munition auszugehen droht. Als
einzige Rettung der Truppe war nur ein Rückzug ins Sernftal und
dann über den Panixerpass ins bündnerische Rheintal möglich.
Am
6. Oktober 1799 bricht Suworow morgens vier Uhr in Elm auf. Letzte
Kämpfe zwischen der Nachhut der Franzosen und den Russen finden
statt. Der Übergang über den 2047 Meter hohen Pass gehört zu
den denkwürdigsten Leistungen der Kriegsgeschichte. Die Kanonen
sind auf den Pfaden nur mit grösster Mühe vorwärts zu bringen.
Lasttiere gleiten aus und stürzen in die Abgründe. Es wird noch
schlimmer. Nachdem es schon im Tal geschneit hatte, legt sich
mancher Kämpfer erschöpft nieder, auf fremder Erde elend
erfrierend, vielleicht auch den vorüberziehenden Feldherrn
verfluchend. Die Pfade sind vereist, Nebel verhindert die Sicht.
Alle stecken bis zu den Knien im Schnee. Viele kommen vom Weg ab,
gleiten aus und stürzen in die Tiefe. Mehr als 200 Menschen
kommen ums Leben. Auch 300 Lasttiere stürzen in die Abgründe.
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7.
Oktober: Erst um Mitternacht gelangten die Mannschaften im heute
kaum fünfzig Seelen zählenden Dörfchen Pigniu an. Die überstandene
Mühsal und der rasende Hunger haben ihr sittliches Gefühl getötet.
Sie zerstörten Holzhäuser, Ställe und Zäune, um sich zu erwärmen,
führen Gross- und Kleinvieh aus den Ställen, schlachten es auf
den Matten und verzehren das Fleisch fast roh. Sie rauben Decken,
Kleider, Leinenzeug und Schuhe.
8.
Oktober: Nach unsäglichen Entbehrungen und disziplinlos ziehen
die kläglichen Reste der Armee plündernd und raubend das Tal
hinab nach Ilanz. Am 10. Oktober marschieren noch etwa 10'000 Mann
einigermassen kampffähiger Truppen in Chur ein, knapp drei Wochen
nach Beginn des verunglückten Feldzuges. Sie lagern in Chur. Die
Soldaten bessern ihre Kleider aus, bekommen auch Schuhe, setzen
ihre Waffen instand und werden neu geordnet.
11.
Oktober: Russland zieht sich vom Kriegsschauplatz aus der Schweiz
zurück. Der Verlust der russischen Armee in der Zeit vom 12.
September bis 12. Oktober beträgt genau 8695 Soldaten und 100
Offiziere.
Das
russische Heer verlässt bei der Luziensteig unsere Grenze. Über
Feldkirch, Lindau und Augsburg kehrt Suworow nach Riga und
Petersburg heim, enttäuscht und verbittert im Herzen, da er in
der Heimat nur Vorwürfe erntet. Schon am 18. Mai des darauf
folgenden Jahres ereilt den alten Feldherrn der Tod. Das Dörfchen
Pigniu hat an der Folge dieser Invasion sehr zu leiden gehabt,
dass erst 1901 die letzten, auf diese Schreckenstage zurückzuführenden
Schulden abgetragen werden.
Geschichte
aus Brigels
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