Erstbegehungsgeschichte

Anspruchsvolle Kletterrouten im Bereich des 7. und 8 .Schwierigkeitsgrades bietet die ca. 800 Meter hohe Kalkbastion der Schlossbergwestseite. Eine davon trägt die Handschrift der beiden Alpinisten Kurt Grüter und Gerry Egloff. Bereits 1964 versuchte Grüter zusammen mit Sepp Inwyler das Unmögliche. Nach hundert Metern stoppte ein Unfall die Seilschaft. 1971 packte Grüter mit dem ausgezeichneten Mehrkampfsportler Gerry Egloff die Wand nochmals an. Da beide während der Woche ihrer gewohnten Arbeit nachgingen, benötigten sie verschiedene Wochenenden, um ihr Meisterwerk zu vollenden. Fixseile, brandneues Material aus den USA und mutige Entschlossenheit verlangten schließlich 12 Tage harte Arbeit. Einsatz und Material: 31 Seillängen, das Hochziehen von 100 kg. Material inkl. 50 lt. Wasser, 280 Sicherungspunkte, jede Menge Haken und Holzkeile, darunter 60 vom Mechaniker Gery hergestellte Borhaken, der Einsatz von oft heiklen Skyhooks, die gelegentlich in einem von Hand gebohrten Loch angebracht wurden. Die Eröffnung der Schlossbergwestwand galt zu dieser Zeit zweifellos als die schwierigste Felsroute der Schweiz. Es dauerte 4 Jahre bis zur ersten Wiederholung, dafür in Rekordzeit. In eindreiviertel Tagen sorgten die bekannten Kletterer Ivor Ganahl und Toni Holdener mit ihrem Durchstieg für große Verblüffung. 1981 gab der junge Ueli Bühler noch eins drauf. Er kletterte die Wand innert zwei Tagen im Alleingang. In den Sommermonaten 1993 und 1994 durchforschten die wohl besten Kletterer ihrer Zeit, die Gebrüder Ives und Claude Remy die breite Wandflucht nach kletterbaren Routen. Das Resultat sind zehn moderne Freikletterrouten, die teilweise mitten in der Wand enden. An der abweisenden Steilheit und der gewaltigen Höhe hat sich an der Westwand des Schlossbergs nichts geändert. Umso großartiger erscheint im Rückblick das Stück Klettergeschichte vom Sommer 1971.

Westwand Schlossbergs hinter der Spannorthütte    Bild: www.busino.ch
Aufstieg vom oberen Grau, (Kröntenhütte)  im Hintergrund der Schlossberg

Schlossberg mit der Schlossberglücke, rechts die bizarre Spannortgruppe

     Schlossberg 3132,6 m  ( Schlossberg oder Schloss, bezeichnet mit Hinter Schloss und vorder Schloss)

 Ein majestätischer Berg mit grosser Geschichte und verschiedenen Gesichtern. Wasserscheide zwischen dem Tal der Reuss und der Engelberger Aa. Sein Name klingt authentisch: Schlossberg. Seine Gestalt ist gewaltig, seine Form archaisch. Als Punkt, auf dem zwei „Liebende beisammen sitzen", beschreibt ihn die Sage. Zwei in Stein verwandelte Prinzessinnen stützten als lotrechte Säulen sein breit gebogenes Dach. Schön und wohlgeformt seien sie und versprechen im verwunschenen Schloss(berg) den Erlösern Außergewöhnliches. Für einige Alpinisten war der Schlossberg, dessen östlicher Teil " Vorder Schloss " der westliche Teil " Hinter Schloss" genannt wird, Schicksalsberg und hat in ihrem Leben Spuren hinterlassen.

Es waren einheimische Engelberger Bergführer, die 1863 die Erstbesteigung schafften: Eugen Infanger und Eduard Cattani von der Blackenalp aus. Geni Infanger, "z'Dömmels" erlitt ein Jahr später den Bergtod. Ein Jahr später erst, 1864 datiert die erste touristische Überschreitung der Schlossberglücke: Der Urner Bergführer Ambros Zgraggen mit dem englischen Rev. Sowerby. Der Schlossberg „eine begletscherte, pultförmig aufgerichtete Masse von Hochgebirgskalk, ein graues Monument» nannte ihn der Urner Reiseführer. Sein Dach wurde 1900 durch den Erstfelder Bergführer Gebhard Püntener mit den Alpinisten H. Brun Th. Herzog und A. Schweitzer überschritten. Vier Jahre später, am 18. August 1904 standen zwei wagemutige Männer auf der Schlossberglücke vor seinem 120 m hohen Südabsturz. Der Kletterer Hans Rütter und der couragierte Urner Führer Sepp Zgraggen durchstiegen die Wand trotz fehlender Kletterfinken bemerkenswert zügig. Ihr Ziel, einen Klettersteig zu eröffnen, wurde wegen der angetroffenen Schwierigkeiten fallengelassen. Ein Jahr später tönt es anders. Urner Führer 1905: Im Sommer wird an der schwierigen Wand zwischen den beiden Bändern ein etwa 20 m langes, mit Knoten versehenes Seil angebracht werden. Dabei hämmerte im Engelberger Tal der Klosterschmied im Auftrag von Placidus Hess bereits an 90 runden Eisenstiften. 20 mm Durchmesser und eine Länge vom 30- 40 cm sollten die geschmiedeten Eisen haben und in die Schlossbergsüdwand eingemeisselt werden. Hinter dieser Idee standen die touristisch interessierten Engelberger Führer: Josef Kuster, Hermann Hess, Jakob Hess vom Horbis, Eugen Kuster sowie der Führerobmann und Thalamann Ed. Cattani. Ihr Ziel: Ein Touristenweg. Bereits lagerten 50 Eisenstifte in der Spannorthütte, als unter der Führerschaft Widerspruch entstand. Einige sahen ihre Arbeit als Bergführer gefährdet, für andere gab’s die Alternative Normalroute. 20 dieser monumentalen Eisenstifte wurden dennoch in die Wand gespitzt, dazu zwei sehr beachtliche Abseilringe. Der Zustrom von Kletterern hielt sich trotzdem in engen Grenzen. Der markante „Schlosschessel", dieser gewaltige Lawinentrichter mit seinen tiefen Gletschermühlen wurde 1911 erstmals erklettert durch die beiden AACZ- Kletterer C. Egger und G.Miescher. Die späteren Versuche einer direkten Route durch den Russen Peskin buchten trotz längerer und wiederholter Belagerung keinen Erfolg. Peskin verlor sein Leben in den Ostalpen. Mehr Glück hatten von der Spannorthütte aus Sepp Wechsler und Dany Ginora 1936 in der Südwestwand.

© by johu Literatur: Schweizer Alpenzeitung 1886, Urner Reiseführer 1902, Alpine Journal, Nachlass Zgraggen, alt Rütlipächter ff, div. Jahrgänge Alpen, Geschichte Erstfeldertal; Mächler, Erstfeldertal, Jb SAC;

Sepp Huber