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Geologie Grosstal im Urner Isenthal |
Max Rothenfluh, dipl. Natw. ETH 6467 Schattdorf
Verlässt man im Grosstal die Zone des alpwirtschaftlich mit Grossvieh genutzten Gebietes in Richtung Uri-Rotstock, öffnet sich dem aufmerksamen Beobachter eine faszinierende Welt der Gesteine und Alpenpflanzen. Sicher wird der Wanderer bald auf die intensiv verfalteten Kalkschichten im Schlieren Nordgrat aufmerksam, die vor allem nachmittags bei schönem Wetter ins richtige Licht gerückt sind. Im Westen spiegeln sich nach einem Gewitterregen die verbogenen Gesteinsschichten der Oberalper Flue. Die verschieden gefärbten Felsschichten, deren Farbtöne von weiss bis dunkelbraun variieren können, begleiten den Wanderer im Aufstieg zum Uri-Rotstock. Auffällig ist der Wechsel zwischen harten, felswandbildenden Kalksteinen und eher dunklen, schiefrigen Gesteinen, die der Verwitterung (Frosteinwirkung, Temperaturschwankungen und Wasserlösung) weniger Widerstand bieten und meist mit üppiger Vegetation bedeckt sind. Hat man die Schulter im Bereich der Gitschenhörelihütte erreicht, entdeckt man eine völlig neue Szenerie, eine vom Gletscher geprägte Hochgebirgslandschaft, die ihresgleichen sucht. Nachdem man die Überschiebung der braunen Schichten auf die hellen Kalke auf einer Höhe von rund 2700 m überschritten hat, steht man eine halbe Stunde später auf einem der aussichtsreichsten Alpengipfel, dem Uri-Rotstock. Gab der Aufstieg einem einen Einblick in die Details der Gebirgsbildung, so sind es auf dem Gipfel die grossen geologischen Zusammenhänge, die sichtbar werden, s. Tektonische Karte Zentralschweiz.
Geologischer Überblick vom Uri-Rotstockgipfel
Im Südosten erhebt sich der aus Granit aufgebaute Oberalpstock mit dem vorgelagerten Staldenfirn, im Südwesten dominiert das aus Amphibolith bestehende Finsteraarhorn die vergletscherte Gebirgslandschaft des Berner Oberlands. Beide Gipfel sind Teil des 2000 km2 bede-ckenden Aarmassivs, ein Gebiet, in dem der kristalline Untergrund durch Erosion der darüberliegenden Sedimentgesteine freigelegt wurde. Nördlich anschliessend ist die Sedimentbede-ckung des Aarmassivs, das Autochthon, erhalten geblieben und baut die mächtigen Kalkberge des Bälmeten, der Sunnigen Stöck und des Titlis auf. Das Schächental ist eine landwirtschaftlich genutzte Zone, in der neben Sandsteinen vor allem Schiefer der Landschaft ihr Gepräge geben. Diese Flyschzone zieht sich weiter in Richtung Surenenpass. Der nach Norden anschliessende, zum grösseren Teil aus Kalkgesteinen bestehende Raum, der von den Berggipfeln Schächentaler Windgällen, Rossstock und Rophaien überragt wird, gehört der Axendecke an. Die Axendecke besteht aus einem Stapel von Sedimentgesteinen. Diese wurden aus dem Raum Vorderrheintal - Andermatt während der alpidischen Gebirgsbildung in der Tertiärzeit nach Norden in den Raum nördlich des Schächentals verfrachtet. Auch das Gebiet des Uri-Rotstocks zwischen Surenenpass und der Talzone Sinsgäuer-Schonegg - St. Jakob - Furggelen - Bauen gehört der Axen - Uri-Rotstockdecke an. Brisen, Schwalmis, Oberbauenstock und auf der östlichen Seeseite der Fronalpstock sind Teile der vorwiegend aus Kalken der Kreidezeit aufgebauten Drusbergdecke. Im Raum östlich von Schwyz liegen auf Flysch der Grosse und Kleine Mythen. Ihre Kalke aus der Jurazeit entstammen einer Schwellenzone, die deutlich südlich des Gotthardgebietes lag. In der Alpenfaltung wurde das Sedimentmaterial dieser Schwellenzone als mächtige Decke gegen Norden verfrachtet. Diese Decke überdeckte ehemals den ganzen Raum der Zentralschweiz. Im Laufe der Jahrmillionen wurde diese Decke immer weiter abgetragen. Die Schuttmassen dieses Abtragungsprozesses liegen heute als verfestigtes Geröll und Sandstein in der Molassezone des Schweizer Mittellandes. Von der gewaltigen Decke sind nur diese kleinen, formschönen Überbleibsel im Gebiet der beiden Mythen geblieben. Zur gleichen Decke werden auch das Stanserhorn und das Buochserhorn gerechnet. Pilatus, Bürgenstock und Rigi Hochflue bilden die Randkette. In einer letzten Phase der Alpenentstehung sind diese Gesteinspakete, die Pilatus und Rigi Hochflue aufbauen auf den Abtragungsschutt aus dem Alpenraum, der in den letzten 30 Millionen Jahren im Mittelland angehäuft wurde, aufgeschoben worden.
Rigi Kulm und Rossberg bestehen aus verkittetem Bachschutt (Nagelfluh), was im Gebiet des Goldauer Bergsturzgebietes von 1806 unschwer festzustellen ist. Sempacher See, Baldegger See und Hallwiler See liegen eingebettet in den vom Reussgletscher vor rund 25000 Jahren geschaffenen Wannen aus Sandstein. Sichtverhältnisse, die auch ein Erkennen des Juragebirges erlauben, sind doch eher selten. Das Schweizer Mittelland und der Voralpenraum liegen in einem riesigen Becken. Die Beckenränder bilden im Norden den Faltenjura, der im Raum Aarau, Solothurn und Biel zu Tage tritt und im Süden das Autochthon, das bei Schattdorf, Attinghausen und südlich Engelberg die mächtige Kalkbarriere des Bälmeten, der Sunnigen Stöck und des Titlis bildet. Einige Schweisstropfen ist der Aufstieg auf den Uri-Rotstockgipfel sicher wert, hat man auf dem Gipfel doch die Gelegenheit 300 Millionen Jahre geologische Entwicklung zu überschauen.
Die Uri-Rotstockdecke zwischen Steinhüttli und Gitschenhörelihütte
Wenden wir uns wieder der näheren Umgebung zu. Die Uri-Rotstockdecke ist eine gewaltige liegende Falte, s. Geologisches Nord-Südprofil Isenthal - Uri-Rotstock. Wandert man über das Unterstafelgebiet Steinhüttli in Richtung Wilderbutzenstafel, durchquert man die jüngsten Gesteine des Isenthals, die noch von der Alpenfaltung erfasst wurden. Es sind Gesteine, die in der älteren Tertiärzeit abgelagert wurden. Die gleichen Verhältnisse sind im Chlital im Raum Alp Nei und Musenalp zu finden. Im Grosstal sind die Flyschgesteine, die unter der Uri-Rotstockdecke nach Süden ziehen und als Auflage auf den Hochgebirgskalken am Surenenpass zu finden sind, nicht aufgeschlossen. Nur Schichten aus der älteren Tertiärzeit sind im Gebiet östlich Bielrüti zu sehen. Die Schichten aus der Tertiärzeit sind von sowohl hell anwitternden wie auch dunklen Kalken aus der Kreidezeit überlagert. Je höher man steigt, desto älter werden die Gesteinsschichten. Diese Kalk- und Mergelschichten, die die Unterlage für die alpwirtschaftlich genutzten Gebiete von Biwaldalp, Wilderbutzenstafel und der Alp Hangbaum bilden, gehören dem Verkehrtschenkel der mächtigen liegenden Falte der Uri-Rotstockdecke an.
Das Gebiet des Oberalper Grats bildet die Frontpartie der Axen - Uri-Rotstockdecke, die sich nach Nordosten ins Gebiet Chulm - Horn und weiter in die Gegend Schartiwald - Scheidegg fortsetzt. Am Grat, der sich vom Übergang nördlich des Sassigrats in Richtung Fulen zieht, kam es in der alpidischen Gebirgsbildung zu einer Rückfaltung. Die einzelnen Schichten tauchen steil gegen Norden ein. Nördlich des Übergangs über den Sassigrat sind dunkle Kieselkalke zu finden. Diese werden nach Norden vom hell anwitternden Schrattenkalk abgelöst. Dazwischen liegt ein Band weicher Drusbergschichten. Der Fulengipfel ist aus Schiefern und Kalken der Tertiärzeit aufgebaut. Die gleichen Schichten sind beim Steinhüttli aufgeschlossen.
Vom Chli Schlieren in Richtung Schlieren heben sich die hellen Kalke aus der Malmzeit deutlich von den unterliegenden, fein geschichteten, jüngern Zementsteinschichten ab. Die hellen prachtvoll verfalteten Kalke bilden den imposanten Felsaufschwung zum Schlierengipfel. Die älteren Schichten, den Kern der liegenden Falte erreicht man erst unter dem Felsaufschwung, auf dem die Gitschenhöreli-hütte steht. Die braunen Gesteine stehen in einem deutlichen Kontrast zu den grauen Kalken, mehrheitlich Echinodermenbrekzien, die sie umge-ben. Der nördlichste Teil der Falte ist durch Erosion entfernt worden. Bei Morgenlicht ist die ganze Faltenumbiegung in den fast weisslich anwitternden Kalken aus der Malmzeit in der Ostwand des Gross Rimistocks zu erkennen. Besonders die dünnbankigen, gelblich anwitternden Schiefer und Kalke der Schiltschichten sind intensivst verfaltet. Die Schiltschichten bilden die Trennung zwischen den umhüllenden Kalken aus der Malmzeit und grauen Kalken aus der Zeit des Oberen Doggers. Den Faltenkern bilden die schwarzen Schiefertone und erzhaltige, braune Kalksandsteine. Unter dem Schlossstock sind mehrere Vorwölbungen des braunen Gesteins aus der Doggerzeit erkennbar. Stark verfaltete Schiltschichten und unterste Malmschichten sind auch östlich von "Im Lauberz" aufgeschlossen und ziehen hinauf in Richtung Punkt 2660 m, wo der steilere Bergweg in Richtung Uri-Rotstock die Westflanke des Berges traversiert.
Moränenlandschaft des Blüemlisalpfirns und Gipfelregion des Uri-Rotstock
Auf der Schwelle, "Im Lauberz", wird man mit den Auswirkungen eines ehemals viel mächtigeren Blüemlisalpfirns konfrontiert. Auch östlich der Seitenmoräne sind die grauen Kalke aus dem Oberen Dogger abgeschliffen, was darauf hindeutet, dass der Gletscher vor 20000 Jahren eine noch viel grössere Ausdehnung hatte. Das ganze Isenthal lag damals unter Eis. Vor rund 14000 Jahren begann ein massives Abschmelzen der Eismassen. Dieser Vorgang spielte sich mit Unterbrüchen bis heute ab. In den letzten rund 10000 Jahren bewegte sich der Blüemlisalpfirn immer innerhalb der Gletscherwanne, die durch die gewaltige Seitenmoräne markiert ist. Auf dem weitern Weg zum Uri-Rotstock steigt man direkt auf dem Kamm der Moräne Richtung Punkt 2517 m an. Die beeindruckende Dimension, die der Blüemlisalpfirn in den Jahren um 1850 noch aufwies, lässt sich an der Höhe des Moränenkamms erkennen. Eine markante Moräne nördlich unterhalb der Stufe, auf der die Gitschenhörelihütte steht, zeigt, dass damals der Gletscher mit seiner Zunge noch bis rund 1900 m auf die Höhe des Ober Mälchbodens hinunter gereicht hat. Sollte die Schneegrenze wie angenommen, in den nächsten Jahrzehnten um rund 200 m ansteigen, würden die Eismassen des Blüemlisalpfirns relativ rasch, d. h., in den nächsten 50 Jahren, verschwinden und einer unansehnlichen Gerölllandschaft Platz machen.
Betrachtet man die grauen Kalkschichten des Oberen Doggers, welche die Moräne nordostseits begleiten, nimmt der geübte Beobachter im Bereich des Punktes 2517 m, überall auf die Felsoberfläche verteilte, schwarze Gebilde wahr. Was im ersten Moment Schafsdreck ähnelt und für den fantasievolleren Beobachter eher nach Saurierknochen ausschaut, ist eine riesige Zahl von Silexkonkretionen. Sie bieten der Verwitterung wesentlich mehr Widerstand als der umgebende Kalk. Es lohnt sich diese Gebilde aus der Nähe anzuschauen.
Sieht man sich die Gesteine, die die Moräne aufbauen, etwas näher an, finden sich immer wieder Gesteine mit einem hohen Anteil von bis mehrere cm grossen gelben gerundeten Komponenten. Diese Gesteine weisen darauf hin, dass im Herkunftsraum der Uri-Rotstockdecke, ungefähr im Raum der heutigen Ortschaften Sedrun - Andermatt, Gesteine abgetragen wurden, die an der Oberfläche gelblich anwitterten. Es dürfte sich um Dolomitgestein aus der Triaszeit gehandelt haben, das in der Lias- und Doggerzeit abgetragen wurde. Teilweise sind auch Bruchstücke von Erstarrungsgesteinen zu finden, was auf eine Erosion in der damaligen Zeit bis auf das kristalline Grundgebirge hindeutet. Später, vor allem in der Malmzeit bis in die mittlere Kreidezeit, war das Ablagerungsgebiet der Uri-Rotstock-decke im Raum Sedrun von einem flachen Meer bedeckt, in dem die verschiedenen Kalke gebildet wurden. Das Herkunftsgebiet der Uri-Rotstockdecke war also zeitweise von einem flachen, warmen Meer überdeckt, in dem die Kalkschichten abgelagert wurden, zeitweise lag es über dem Meeresspiegel und war der Verwitterung und Erosion ausgesetzt. Erst in der späteren Tertiärzeit wurden die Gesteinsmassen aus der Lias- bis zur beginnenden Tertiärzeit unter Überlagerung anderer Gesteindecken nach Norden in den Uri-Rotstockraum verschoben, intensiv verfaltet, von Brüchen durchzogen und teilweise auf den Kopf gedreht.
Ein aufgesetztes Stück Gesteinsmaterial baut den obersten Gipfelbereich des Engelberger und Uri-Rotstocks auf. Auf die hellen, weisslich anwitternden Kalke der Malmzeit wurden die dunkelbraunen Schiefer und Kalksandsteine der älteren Doggerzeit überschoben. Den Gipfel des Uri-Rotstocks bauen die grauen Kalke auf, die wir bereits im Gebiet "Im Lauberz" und am steileren, weiss-blau-weiss markierten Gipfelanstieg im Bereich der verankerten Ketten überschritten haben. Die Gesteinsschichten, die ehemals über dem Uri-Rotstockgipfel lagen, sind längst durch Verwitterung und Erosion entfernt worden. Ein kleiner Teil bildet die Moränenablagerungen im Bereich der Gitschenhörelihütte. Der grösste Teil ist in den letzten mehr als 20 Millionen Jahren, also lange vor den Eiszeiten, durch Flüsse in Richtung Mittelland befördert oder wurde durch chemische Verwitterung aufgelöst worden. Durch den fortwährenden Zusammenschub der Alpen wurde das Uri-Rotstockgebiet stark angehoben. Dass wir den Gipfel ohne braune Gesteine erleben werden, ist aber sehr unwahrscheinlich, denn der Abtragungsbetrag pro Jahr macht weniger als einen Millimeter aus. Dass aber auch der Raum des Isenthals immer wieder von kleineren und grösseren geologischen Ereignissen betroffen ist, zeigen Zeitungsmeldungen aus den vergangenen fünfzig Jahren. Am folgenschwersten für die ganze Bevölkerung des Isenthals war der Bergsturz vom 31. März 1963, der die Isenthalerstrasse südwestlich Isleten stark beschädigte. Die Strasse ins Isenthal konnte erst wieder am 30. September 1963 dem Verkehr übergeben werden. Beim Anstieg in Richtung Chimiboden sieht man bald, dass es sehr schwierig ist, den Isitaler Bach bei Hochwasser unter Kontrolle zu halten. Im Gebiet südlich Chimiboden sind Lawinen- und Sturmschäden aus den Jahren 1997 - 99 nur noch allzu gut sichtbar. Bei schönen und stabilen Wetterverhältnissen ist aber nicht mit Bergstürzen, Hochwasser und anderen geologischen oder wetterbedingten Unannehmlichkeiten zu rechnen und eine Wanderung im Isenthal wird zu einem unvergesslichen Erlebnis.