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Gotthard, Wiege und Wasser! Nach Süd und
Nord, gegen Aufgang und Niedergang donnern sie dahin, jene jungen Ströme,
die Reuss, der Tessin, der Rhein, die Rhone- und reißen den gewaltigen
Stern ihrer Täler in das Gefüge der Alpen. Wenige Meilen, ja wenige
Schritte oft, liegen die dunklen, klaren Bergseen, die leuchtenden Firne
und Gletscher auseinander, denen sie entspringen. Die Kante eines Steins
entscheidet, ob ein Quell hinfliesse in das ewigblaue Thyrrenische Meer
oder mitternachtswärts in die Nordsee.
Ein Geissbub, der seinen Durst
am Gletscherbache kühlt fängt vielleicht in seinem Hut- vergleichbar
einem Riesenkinde der Vorzeit- die ganze junge Rhone ein und bringt,
wenn er den Rest des Wassers verschüttet, den jungen Rhein zum
Überfluten. Den Strömen verwandt und sozusagen ihren Spuren
folgend ziehen hier nach allen Richtungen der Windrose die alten
Völkerwege Europas (...).
Jeder dieser Wege führt wenige Meilen,
nachdem sie sich endgültig trennen, zu anderen Rassen und in ein anderes
Sprachgebiet. Nach Norden ins deutsche, nach Osten ins romanische, nach
Westen ins französische, nach Süden ins italienische.. Welche
sprachen! Alle haben sie an ihrem Ursprungsort, an jener Sprach- und
Völkerscheide eine Eigenschaft gemeinsam, die Eigenschaft nämlich,
dass sie in den Akademien ihrer zugehörigen Kulturzentren nicht verstanden würden. Hier verstehen sich aber die Hirten auf Gruß und
Antwort und ziehen mit ihren Herden friedlich auseinander vorbei (...).
Den am Gotthardmassiv zerschellen alle Werte, die dem Bewohner der Ebene
als unverrückbare Gegebenheiten erscheinen. Die Rasse, die Sprache, der
Strom als Symbol des Trennenden und Grossen, als Stolz ganzer Länder:
der Rhein als Stolz der Deutschen, die Rhone als Stolz der Franzosen.
Hier ist alles Ursprung und ohne Wertung!
Eduard Renner (* 1891; † 23. Juni 1952) Urner Arzt und
Ethnograph |