Sagen aus dem Isenthal

 

Der Unbekannte auf dem Hag.

 In der Alp Baberg ist das Hell-Loch (Hell=Hölle), das furchtbar tief in den Erdboden hineingeht und mit einem Hag umgeben ist. Eines Tages sass auf diesem Hag ein Unbekannter, der einen Salzkübel – Miätsack seit mä gwehnlich – bei sich hatte und den Kühen lockte. Und die Kühe kamen, um zu lecken. Das ersah der Senn, der soeben käsete, liess den Käse fallen, sprang eiligst vor die Hütte und rief laut: »Und [131] das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.« Jetzt purzelte der Unbekannte in das Loch hinunter. Hätte der Senn nicht so gerufen, so wäre das Vieh alles dem Loch zugerannt und darinnen zugrunde gegangen.

 

Hexenstein

Isenthal hiess vor Zeiten Wiesental, hat allemal das alte Furggälä-Vreni gesagt, die Tobel und Rübitäler auf der Nordseite bestanden damals noch nicht. Da hagelte es eines Nachmittags von 3-6 Uhr und verwüstete das Tal. Es entstanden die grausigen Rübitäler. Dörflein und hölzernes Kirchlein lagen ehemals etwas westwerts des "tosenden Steines", wurden aber durch eine Rübi zerstört. Darauf baute man die Kirche im Gute Luss und später im Gummen, wo sie jetzt noch steht. Ihr Patron ist von jeher der hl. Bischof Joder oder Theodul.  Einmal brachte eine Hexe in ihrer Fürscheibe einen fürchterlichen Stein von der Babergerschooss her bis ob das Gut Weid. Dort stellte sie ihn nieder, band ihn an einen Faden und zog an ihm, so viel sie mochte, und eine andere Hexe stiess hinten am Stein; sie fuhren mit ihm abwärts gegen das hölzerne Kirchlein, das damals noch einige Schritte westwerts des "tosenden Steines" gestanden haben soll. Aber dieLeute erblickten sie, liefen zur Kirche und läuteten. Da rief die Hexe die am Felsblock zog: "Lunni stoss!" und die andere entgegnete: "Ich mag nimmä g`stossä, ds Sywli gysset." Und beide verschwanden, aber der Felsblock blieb in der Weid liegen, wo er heute noch liegt. Man sieht Eindrücke von den Krallen der Hexe in der Steinmasse zur Stunde noch. Ein anderes Mal schüttete eine Hexe Wasser an den Stein und es gab eine Rübi, worauf Hexe und Stein abwärts fuhren gegen Kirche und Dorf. Aber nicht weit. Denn der wachsame Sigrist läutete die grosse St. Jodersglocke, und da hielt die Rübi in ihrem Laufe inne, und die Hexe schriezornig: "Ich `kumä nimmä wytters, der Joderli tschängget". 

 

Die Sage vom Manschettler

Das Gebiet von Gitschenen soll in früheren Zeiten oft von der sagenhaften Gestalt des Manschettlers oder Schimmelreiters heimgesucht worden sein. Auf einem weisen Rosse kam er zur Nachtzeit geritten vom Fruttkäppeli her, nach anderen Varianten zu Fuss von Beroldingen über Bauen und die Bärchi. Der Manschetler ritt durch das ganze Isenthal bis nach Gitschenen hinauf. Der Kopf war durch einen grossen Schlapphut verdeckt. An den Rockärmel glänzten weisse Manschetten. Unter den Hufen des dahinsausenden Pferdes stoben Funken   hervor und in den Buchen, an denen er vorbeisprengte, rauschte und knisterte das Laub. In Gitschenen musste für den Reiter stets ein Zimmer bereitgehalten werden. Wenn er ins Bett ging, war sein Husten uns Stöhnen zu hören. Man glaubte, es sei der büssende Geist eines ehemaligen Besitzers von Gitschenen, eines grossen Herrn von Altdorf, nach andern eines reichen Beroldingers. Es sei um Berggut und Alp Gitschenen zu Zeiten furchtbar gezankt und gar oft ungerecht geteilt worden. Eine Frau erzählte " Als ich noch ein Kind war, habe ich den Manschettler oft gesehen, wenn ich bei St. Jakob mit meinen Gespanen Verstecken spielte. Er sass mit vornüber geneigtem Kopf auf der Schwelle der Gadentüre und hatte einen grossen Tellerschinhut auf." Ganz besonders hauste der Manschettler im Bärenwald und im Sonninghorlachen. Im Hause des letztgenannten Berggutes liess er den Leuten keine Rruhe, kam nachts und sennete und hantierte ganz ungeniert, als ob er hier zu Hause wäre. Zuletzt fragten sie jemanden um Rat, der sich auskannte. Dieser riet ihnen, einen Stock mit Eisenspitze in die Stubenwand zu stossen. Das half. 

 

Das Wildmännchen und die Gämsen

Es war im urnerischen Isenthal, wo sich ein Gämsejäger auf die Jagd begab. Ein Wildmännchen stand plötzlich vor ihm und bat, seine Gämsen nicht zu schiessen, es wolle ihn dafür reichlich schadlos halten. Das gefiel dem Jäger, der sich und seine Familie mit der Gämsenjagd erhielt. Das Wildmännchen gab ihm ein kleines Gämsekäschen mit der Mahnung, es niemals ganz aufzuessen. Es werde dann am kommenden Morgen wieder ganz sein, und so werde dieses Käslein für ihn immerfort dauern und das Abgeschnittene sich allemal wieder ersetzen . Unser Jäger hielt sich geraume Zeit an diese Vorschrift. Nach einiger Zeit aber ass er vor Hunger dasselbe in einem Male auf, und hatte nachher kein Käslein mehr. Der Jäger war nun wieder gezwungen, auf die Jagd zu gehen, wurde aber von dem Wildmännchen, weil er ihm die Gämsen niederschoss, zerrissen.

 

Die wilden Leute im Isenthal

Im Isenthal gab es vor Zeiten wilde Leute. Die meisten bewohnten die Ruosstalbalm, auch Heidenbalm genannt, und das Hornefeli. Die Gämsen hielten sie für ihre Ziegen, hüteten und molken sie. Ihre Freunde und Gönner beschenkten sie mit Gämsekäschen, die immer wieder nachwuchsen, wenn man sie nicht ganz aufass. Als die ersten Jäger ins Tal kamen und anfingen, die Gämsen zu schiessen, da wurden die wilden Leutchen traurig, weinten und sagten laut klagend: „Jetzt töten sie alle unsere Geisslein, jetzt müssen wir fort!“ Mit den Leuten des Tales standen sie auf gutem Fusse und kehrten in ihre Häuser ein und waren ihnen beim Heuen und Viehhüten behilflich. Sie hatten verkehrte Füsschen. Wenn man zum Beispiel morgens in das Kleintal hineinging, so erblickte man die Fussspuren eines Männchens, das schon taleinwärts gegangen; in Wirklichkeit, so brachte man nach und nach in Erfahrung, war es ein Wildmandli, das schon talauswärts gewandert war. Einst näherten sich einige wilde Leutchen einer Alphütte (nach andern dem Berghäuschen in Hermisegg), wo sie manchen guten Dienst geleistet hatten. Die geizigen Älpler (nach anderer Erzählart: die Kinder, die allein zu Hause waren) waren gerade am Essen und hatten das russige Chupferchessli mit dem Nidelreisbrei (oder ein Muttli voll Milchsuppe) auf dem Tisch, als sie die Wilden kommen sahen. Mit denen wollten sie aber nicht teilen. Also rasch mit dem Chupferchessli (mit dem Muttli) unter die Bank! Einige Minuten warten die Wilden, dann aber entfernen sie sich, indem sie höhnisch fragen: „Wend-er hinecht under dä Bänkä-n-ässä?

 

Die Hexe und der Felsblock im Isenthal

Einmal brachte eine Hexe in ihrer Fürscheibe einen fürchterlichen Stein von der Babergerschooss her bis ob das Gut Weid. Dort stellte sie ihn nieder, band ihn an einen Faden und zog an ihm, so viel sie mochte und eine andere Hexe stiess hinten am Stein. Sie fuhren mit ihm abwärts gegen das hölzerne Kirchlein, das damals noch einige Schritte westlich des „tosenden Steines“ gestanden haben soll. Aber die Leute erblickten sie, liefen zur Kirche und läuteten. Da rief die Hexe, die am Felsblock zog: „Lunni stoss!“ und die andere entgegnete: „Ich mag nimmä g’stossä, ds Sywli gysset.“ Und beide verschwanden, aber der Felsblock blieb in der Weid liegen, wo er heute noch liegt. Man sieht Eindrücke von den Krallen der Hexe in der Steinmasse zur Stunde noch.

 

Hexe verdirbt das Vieh

Von Bauen her kam ein fremdes, unbekanntes Weibervolk auf die Bärchi hinauf, kehrte bei Salome-Josten ein und bettelte etwas zu essen und um Obdach für die anbrechende Nacht. Das Weibervolk gefiel den Leuten nicht. Dennoch sott ihm das Salome-Nänni Milch, tat aber ein klein wenig Weihwasser hinein, brachte sie in die Stube und stellte sie vor das Weibervolk auf den Tisch, mit dem Bedeuten, es solle zulangen. Dieses schaute so kurios auf die Milch, liess sie unberührt stehen und sagte giftig: „Hättisch-mer-si nitt prücht z’versywä!“ Ohne Z’nacht bezog es ein Nachtlager im Stall, den das Nänni sorgfältig von aussen verriegelte. Als Nänni am nächsten Morgen öffnete, war die Fremde fort und lag die einzige Kuh im Stall tot am Boden. Das hat sich vor wenigen Jahrzehnten ereignet.

 

Dur's Chämi üff und ab

Im Birchi, im ersten oder zweiten Häuschen am alten Landweg lebten vor alten Zeiten zwei Jungfrauen von etwas wunderlichem Wesen. Sie besassen einen schönen Kirschbaum, den einzigen damals im ganzen Tale. Es konnte daher nicht fehlen, dass die lüsternen Tallleute dann und wann bei ihnen um einige leckere Früchte bettelten aber selten jemand wagte es, sie zu essen, denn man traute den beiden Wybervölchern und ihrer Freigiebigkeit nicht wohl. Ein junger mutiger Bursche unternahm einmal das Wagestück und machte sich hinter das Becki voll Kirschen, das sie auf dem Stubentisch aufgestellt hatten. Da, auf einmal trieb es ihn unwdirstehlich zur Stube hinaus in die Küche. Hier standen die zwei Schönen an der Herdstatt und rührten wie besessen an einem Häfelein und murmelten dazu: " Chämi üff und niäänä.n-a". Jetzt lüpfte es den Burschen und fuhr mit ihm durch's Kamin hinaus über allle Berge durch die Lüfte fort in unendliche Fernen, bis er endlich in einem ganz anderen Weltteil im dichtesten Dornengestrüpp zu Boden kam und stecken blieb. Da stand er und wusste nicht, wo aus und ein. Zuletzt fing er an zu beten und die Muttergottes um Hilfe anzuflehen. Auf einmal stand eine schöne, weissgekleidete Frau vor ihm und zeigt mit der Hand die Richtung, die er einschlagen sollte und verschwand wieder. Drei Tage und drei Nächte wanderte der Isenthaler und erreichte schliesslich ein ihm völlig unbekanntes Kloster und klopfte an die Pforte. Freundlich wurde er aufgenommen, aber niemand kümmerte sich um ihn, keiner verstand seine Sprache. Da führten sie ihn vor den Höchsten im Kloster; der sass auf einem schönen Stuhle und hatte ein grosses, mächtiges Buch auf seinen Knien aufgeschlagen. Das war das Weltbuch. Und den fragte er nach dem Wege zu seiner Heimat und erzählte, wie ihm eine schöne, weisse Frau die Richtung hierher gewiesen. Der Mönch erklärte: " Niemals und wenn du hundert Jahre alt würdest und jeden Tag zehn Stunden wandertest, könntest du dein Vaterland erreichen, wenn ich dich nicht segnen würde. Und er hob seine Rechte, segnete ihm und legte ihm ein geweihtes Skapulier an. Der Bursche machte sich wieder auf die Reise und gelangte nach langer Zeit in sein geliebtes Isenthal mit seinen grünen Wiesen und dunklen, würzigen Tannenwäldern.

Müller, Sagen aus Uri