zurück

Bearbeitung aus dem I. II. und III Band, Müller, Sagen aus Uri:  Sepp Huber

Sagen aus Gorneren/Gurtnellen/ Fellital/Leutschachtal

Stäubenchappeli im Stäubenwald bei Gurtnellen

 Die Stäubentanne im Stäubenwald ist ein stark besuchter Wallfahrtsort der Urner Oberländer. Der Sage nach hat einst eine arme Mutter, die ihr einzig Kind verloren, bei dieser Tanne ein Marienbild gefunden und es pietätvoll heimgenommen. Als sie nicht lange henach wieder hier vorüber wollte, da war, oh Wunder, das Bild wieder bei der Tanne und das arme verlassene Mutterherz erkannte, dass die Gnadenmutter damit sagen wollte, sie sei hier an verlassener einsamer Stelle eine Trösterin aller Verlassenen und Bekümmerten. Die Stäubentanne wird, so sich kein zweites Wunder ereignet, einst morsch und altersschwach werden, der fromme Glaube des Urnervölkleins aber wird sie überdauern und die Stelle dereinst mit einem Kirchlein zieren". ( Mächler, Erstfeldertal 1883). 
Die kleine Kapelle beim Gornertobel wurde 1910 an der Stelle erbaut, wo die Stäubentanne stand. 

 

Alp Gorner

Von der Alp Gorner bestehen zwei Sagen, jene vom blutenden Totenschädel und jene von einem grossen Fuchs, der jeweils vom Gebirge herunterkam,  in die Alphütte schaute und dann wieder wegschlich. Der Senn unternahm nichts, doch im nächsten Jahr hatte er einen anderen Hirt, der den Fuchs nicht leiden konnte. Er beschloss ihn mit der Flinte zu erlegen. Als er schoss, versprengte es die Flinte und riss dem Hirt einen Fuss ab. Der Fuchs wurde nicht mehr gesehen.  

Blutender Totenschädel

Ein Senn in der Alp Gorneren gab einem Bettler Süffi, worin er vorher tüchtig Käslab getan hatte. Der Arme soff wacker davon und ging dann seines Weges weiter. Bald geriet die Süffi in seinem Leibe zur Gärung und blähte ihn auf. Den Tod nahefühlend verkroch er sich in einem Abhang des Berges in eine Höhle und zerbarst dort. Niemand suchte nach seiner Leiche. Nach vielen Jahren ging einmal der rohe Senn mit einigen Kameraden unterhalb jener Höhle talein oder talaus. Zufällig löste sich da oben der Totenschädel und kam dem Sennen vor die Füsse gerollt. Der gab ihm einen Fusstritt.  Aber wehe! Der Schädel fing an zu bluten. Da war der Senn verraten und konnte der verdienten Strafe nicht mehr entgehen.

Hahnäspillhäx

Auf dem Hahnenspill, einer an Beeren reichen Waldpartie am Gurtnellerberg, hat sich mehrere Jahre hindurch dann und wann ein rätselhaftes Weibervolk sehen lassen. Die einen nannten es d'Hahnäspillhäx, die anderen glaubten in ihm eine wenige Jahre vorher verstorbene Frau von Gurtnellen zu erkennen. Als vor etwa zwei Jahren zwei Frauen aus dem Wyler dort mit Beerensammeln beschäftigt waren, hörte die eine uf einisch ä wiätägä Chlapf. Sie schaute sich um und erblickte ein Weibervolk in einem bärsianenen Rock und einem Schlottitschäpi, und das auf dem Kopf einen Sacklumpen trug, der bis auf die Schultern hinunter ausgespreitet war. Es schritt nicht auf dem Erdboden einher, sondern wandelte schwebend dahin. Als die Frau nach ihrer Begleiterin umschaute, ob diese die Erscheinung auch sehe, und sich dann wieder umwendete, war die Unbekannte verschwunden.

Starke Männer

Zu Grossprächtigen in Gurtnellen wohnte, es sind noch keine 100 Jahre seither verflossen, der »grosse Baumann«, ein starker, aber uwitziger und stolzer Bauer. Er prahlte gern mit seiner rohen Kraft und meinte, wenn er sich an einer Droslenstaude1 festhalten könne, so würde ihn die stärkste Lawine nicht vom Fleck bringen. Ein anderes Mal wettete er, man könne ihn auf eine Mutte legen, Pulver nach Belieben unter der Mutte anzünden, so werde es ihn doch nicht wegzusprengen vermögen, vorausgesetzt, dass er sich mit seinen Füssen gegen die Oberdiele feststemmen könne. Aber dassälb Mal het 's-ä düe meini doch nu appä'tah, das-er's zum zweitä Mal nimmä 'probiärt het. Midem Läbä syg er nu darvo-chu, aber chrank syg er grad ä Wyl gsy; das chammisi doch äu dänkä. Eines Abends kehrte er etwas angeheitert von Wassen her heimwärts. In einem der Häuser auf der »Höhe« war eine Kindsleiche auf einer Bank hart am Fenster des Erdgeschosses aufgebahrt. Im Augenblick, da Baumann hier vorbeigehen wollte, wachte gerade niemand bei der Leiche. Darum langte er mit seinem Stock durch das Fenster hinein, stürzte die kleine Leiche auf den Boden hinunter und machte sich eilig davon. Aber am nächsten Tage war er ganz vertschüderet; sein Kopf war angeschwollen und verbrätschet, und er musste mehrere Tage das Bett hüten.

So ein starker Mann lebte auch in der Geissgass zu Gurtnellen. Ein Riesenmann! Ein Frässmuttli konnte man ganz ring durch seine Hosenstösse herunterziehen. Der kam einst dazu, als etwa 6–7 Arbeiter bei der Schönibrücke, die grad gebaut wurde, an einem Baum schafften und werkten, um ihn auf die andere Seite der Reuss zu transportieren. Da meinte er, den trage doch ein einziger, nahm ihn auf die Achsel und trug ihn über den Baum, der über die Reuss gelegt war, ans jenseitige Ufer und legte ihn gemächlich an Ort und Stelle nieder, wo sie ihn haben wollten.

Ein sagenhafter Rechtshandel

Ein Mann aus dem schon seit Jahren ausgestorbenen Geschlecht 'Teiler' in Gurtnellen, der fast den ganzen Stalden besass, trieb seine Schafe in den jetzt fast unzugänglichen Stafel 'Saas' in Gornern. Da begann eines Tages ein Daxli im Wyler daselbst seine Kühe aufzutreiben und hiess den Teiler mit den Schafen weichen. Der weigerte sich, es gab einen Rechtshandel und der Spruch lautete: "Und wenn Herr Daxli mit hölzigen Kühen auffahren will, so müssen die Schafe weichen". 

Das Fuchsweib

Der Haltä- Jochi von Gurtnellen (gest.1872) hatte einst auf der Jagd ein Füchslein verschont, das sich sonderbar aufführte. Später reiste er einmal nach Graubünden und wollte dort Schweine kaufen. In der Wirtschaft wo er einkehrte, tat die Wirtin sehr freundlich, bewirtete ihn auffallend reichlich und wollte für alles keinen Rappen annehmen. Sogar die Schweinchen die er ihr abkaufte gab sie ihm gratis. Er habe ihr ja das Leben gerettet sagte sie, denn jenes Füchslein das er geschont habe, sei sie gewesen. 

Sonderbare Füchse

Zwei Männer von Hinter- Obergaden in Gurtnellen hatten öfters den Füchsen "glotzet", fanden aber keine Beute. Trotzdem fanden sie jeweils am Morgen ihre Beize angefressen. Da wollten sie es einmal schlau anfangen. Um den Fuchs zu täuschen trug der eine Jäger den anderen auf dem Rücken zum Anstand derweil der eine von ihnen  in auffälliger Weise allein nach Hause zurückkehrte. Nicht lange währte es, da kamen zwei Füchse durch den Schnee daher und auf die Beize los. Aber wie! Einer trug den anderen auf dem Rücken. Der Jäger getraute sich nicht, auf das seltsame Gespann zu schiessen. Diese verzehrten die Lockspeise und kehrten auf gleichem Wege wieder zurück. Mehrere Tage fühlt sich der Jäger unwohl. Von Hinter- Obergaden ging seitdem keiner mehr auf Fuchsjagd.

Der Geist hinter der Haustüre

 In der Alp Gornern alpete auch ein Mann aus der Holderi von Gurtnellen mit seiner Frau. Jeden Abend, – jäh das soll de wahr sy! – hörten sie es um die Alphütte herumgehen. Dann kam es zur Türe hinein, stellte den Stock an die Wand und warf polternd die Holzschuhe auf die Diele und an die Wände. Aber das hörten sie ohne etwas zu sehen. Als sie am Herbst von Alp fahren wollten, hörten sie es erbärmlich flennen und jammern. Da sagte der Mann: »Uns und unsern Nachkommen ohne Schaden und Nachteil kannst du mit uns kommen. Aber daheim musst du mit dem Platz hinter der Haustüre zufrieden sein.« Jetzt hörte das Flennen auf, und sie fuhren ab. Sie spürten, dass es unsichtbar hinter dem Sennten einher kam und das Vieh trieb und von Zeit zu Zeit hörten sie es rufen: »Hoi! Hoi!« Das Vieh folgte prächtig und in guter Ordnung, sie hatten gar keine Arbeit. Daheim, als der Mann ins Haus trat und dabei, weil er müde war, den rechten Arm hob und mit der Hand an einem Türpfosten sich ein wenig stützte, fühlte er es unter seinem Arm ins Haus hinein wischen. Hinter der Haustüre hielt es sich lange Zeit auf, still und ohne jemand zu belästigen. Später redeten sie es an, und da bekannte es, es sei eine arme Seele. Man erlöste sie.

Durch »Vergelt's Gott« erlöst

 Eines Abends sass das alte Müetterli bei »der alten Post« im Wyler zu Gurtnellen neben der Haustüre auf einem Bänklein. Eine Nachbarin – meine Grossmutter – beobachtete, dass neben dem Müetterli ein prächtiges Maitli sass; das hatte lange, flachsblonde Haare, die ihm lose über den Rücken bis auf den Erdboden hinabwallten und nur oben mit einer Schleife zusammengebunden waren, deren Bänder ebenfalls den Boden erreichten. Die Nachbarin machte das Müetterli auf seinen Gespanen aufmerksam; es sah aber gar nichts von ihm. Es kam ihnen in den Sinn, es könnte eine arme Seele sein, und sie redeten sie an. Da bekannte sie, wirklich eine solche zu sein. Sie komme aus Deutschland und müsse wandern, bis sie an der Strasse ein Haus antreffe, dessen beide Hausgangtüren gegen einander offen seien. In diesem Hause könne sie dann bleiben. Das sei nun hier der Fall. Und wenn dann jemand in dem Hause etwas heische und bekomme und dafür »Vergelt's Gott« sage, so werde sie dadurch erlöst werden. Und richtig, bald kam jemand, und beim Herausgehen aus dem Hause sagte er für eine empfangene Wohltat »Vergelts Gott«. Jetzt  war die arme Seele erlöst und wurde nicht mehr im Hause gespürt. Man glaubt, sie habe für ihre Hoffart leiden müssen. Ja, man sollte immer mit »Vergelts Gott« danken, denn es sind viele arme Seelen, die auf ein »Vergelts Gott« plangen und auch auf ein »Tröst Gott die armen Seelen«; besonders sollte man das tun unter den Haustüren, da sind immer arme Seelen. Neben den Türen und auf den Türsellen ist es am schlimmsten. Lange Zeit hindurch fühlte unsere Mutter jedesmal, wenn sie eine Türselle überschritt, etwas Weiches neben ihren Füssen. Eine andere Person aber sah, dass sie von einer Katze begleitet war. Die Mutter ahnte, dass es eine arme Seele sei, und liess Messen für diese lesen; bald darauf machte sie jene Wahrnehmung nicht mehr. Wenn unsere Mutter ein Haus betritt oder verlässt, tröstet sie an der Haustüre immer die armen Seelen, indem sie sagt: »Tröst Gott die armen Seelen«.

Das Wettermanndli auf Wildampfern

 Wildampfern und Alplen sind zwei kleine, zur Intschialp gehörende Stafel am Geissberg ob Gurtnellen. Daselbst hauste früher ein Wildmanndli. Wenn schlechtes Wetter im Anzug war, jauchzte es laut, dass man es bis Ruoppelingen hinunter hörte. »Wennd's alligs äso g'hürelet het, de het-mi-si chennä g'fasst machä«, pflegte ein alter Gurtneller zu sagen. Es behaupten noch ziemlich junge Leute, sie hätten das »Wettermanndli« oft selber gehört, aber nur im Winter, und zwar auf Alplen. Es war im Jahre 1895, als der Nywengadmer bei Ruoppelingen prophezeite, es werde baldigst schlechtes Wetter einfallen, das Wildmanndli am Geissberg habe gejauchzt. Und in der Tat, schon am nächsten Tage fiel Schnee, und eine Lawine sauste bis nach Stalden hinunter. Als am Sonntag Misericordia (22. April) 1917 eine Lawine das Haus im Gapyl und mehrere Ställe verschüttete und vier Menschenleben forderte, da behaupteten viele, sie hätten »es« am Samstagabend vorher mehrmals am Schnüerstock, wo eine der beiden Lawinen losgebrochen, jauchzen gehört; andere hörten es unmittelbar bevor die Lawine losbrach. Was es gewesen, ob Wildmanndli, Hexe, arme Seele oder sonst etwas, wusste mir niemand zu sagen.

Wettermanndli auf Stalden

Baschis Babä auf Stalden und auch andere Leute zu Gurtnellen sahen fast immer, wenn das Wetter abfiel, einen unbekannten Mann vom Nyw-Gadä herkommen und auf Stalden in dem grossen, uralten Haus verschwinden. Oder: Ein Wildmanndli kam vom Walde her bis zum Eppägärtli, wo es jauchzte, kam dann bis auf den Stalden und verschwand oder versteckte sich, bei dem genannten Haus hinter der Holzwitteren.

Der Hohnegghund

Ehemals hat man in Gurtnellen z'alten Tagen (an den Fronfastentagen) nachts einen grossen, schwarzen Pudelhund wandeln gesehen. Sein geöffneter Rachen, die Nüstern und Ohren spieen Feuerflammen, auf der Mitte der Stirne glühte wie Feuer ein einziges Auge von der Grösse und Gestalt einer Butzenscheibe. Seine Wohnung hatte er in dem einsamen, waldumschlossenen Berggut Hohnegg, weshalb ihn die Gurtneller den Hohnegghund nannten.
Ob der Hohnegg gewann der unheimliche Nachtwandler den ehemaligen Saumweg, jetzt alter Kirchwerg genannt, weil früher die Leute ab dem oberen Gurtnellerberg über die Raine, über Breitensteg und Oberintschi nach Silenen zur Kirche gingen. Auf diesem Wege ging's am Hohneggstein vorbei in südlicher Richtung nach Färnigen und Richligen, von da hinunter nach Bifang, wo er einen Abstecher bis in den Hausgang hinein erlaubte, weiter nach Ryttigen und Schwynacherli. Hier beim Punkt, wo jetzt das Helgenstöckli mit der Mutter Gottes steht, verliess er den Saumweg, der in zur Kapelle geführt hätte und trottete zum "grossen Haus", wo er sich auif der Egg erstellte und in die Fenster des Hauses hinaufschaute. Weiter ging's jetzt ostwärts beim alten Schützenhaus vorbei hinab nach Spitzensteinen auf die sogenannte Höhe, wo heute ein Helgenstöcklein zum Beten mahnt. So hatte er die gefürchtete Kapelle St. Michael auf Gurtnellen in weitem Bogen umgangen und war wieder auf dem Saumweg angelangt. Auf diesen zog er weiter nach Stalden und bis ins Märchital hinunter wo er umkehrte und auf dem gleichen Weg zur "Höhe" zurück gelangte. Wieder verliess er bei diesem Punkt die Gasse und schlich sich etwas unterhalb des Kirchleins in nördlicher Richtung über Heimigen und Stelli nach Gapyl und Fletzgen. Auf dem Egg zu Fletzgen erstellte er sich wieder und hielt Ausschau nach dem durch die Räuber berüchtigten Wassnerwald im Talgrunde. Noch gings hinunter nach Waldi und Dangel, am letzten Ort verschwand der sonderbare Wanderer. Den Rest des Kreislaufes westwärts nach Hohnegg hinauf scheint er unsichtbar zurückgelegt zu haben. Am häufigsten kam er auf die Steinplatte vor dem ehemaligen Wirthaus zu Ryttigen und auf das " Egg" beim "grossen Haus", in dem früher ebenfalls gewirtet worden sei.

Lawinen ankünden

Als am Sonntag, den 22. April 1917 eine Lawine das Haus im Gapyl und mehrere Ställe verschüttete und vier Menschenleben forderte, da behaupteten viele, sie hätten "es" am Samstagabend vorher mehrmals am Schnüerstock, wo eine der Lawinen losgebrochen, jauchzen gehört; Andere hörten es unmittelbar bevor die Lawine losbrach. Was es gewesen, ob Wildmanndli, Hexe, arme Seele oder sonst etwas, wusste mir niemand zu sagen.

Auch auf dem Schnüerstock südlich am Geissberg, scheint eine Wetterhexe gehaust zu haben, Wenn sich dort ein Wetter zusammenballte, lief allemal der Toni- Hänsi zu Richligen schnell zur Kapelle Maria Hilf und läutete, und dann verzog sich das Unwetter und Hänsi meinte dann schmunzelnd, er habe er es wieder einmal verheben mögen, der 'Schnüersteckleri'.

Der Alpspuk auf Siglisfadd

Auf Siglisfadd, da liegt alle Abend das Vieh im Freien unterhalb der Hütte, am Morgen ob der Hütte. Jede Nacht, genau um Zwölf – das ist wie eine Uhr –, da erhebt sich das Vieh und rennt dem Rand eines Abgrundes zu; es heisst dort »uf-em Chatzeli«. Dort muss man es abwehren mit aller Anstrengung. Dann kehrt es zurück und legt sich ob der Hütte wieder zur Ruhe. Das ist heute noch so.

Der Hausgeist in Felliberg

Meine Voreltern besassen den obern Felliberg in der Gemeinde Gurtnellen. Sie schlissen das alte Haus daselbst ab und bauten ein neues. Da sah der Zimmermann auf dem alten Hausplatz öfters einen herumirren und hörte ihn flennen. Er dachte sofort, das sei eine arme Seele, und redete sie an. Sie bekannte sich als solche und sagte, wenn sie nur nicht an Wind und Wetter bleiben müsse. Er sagte das den Besitzern des Hauses. Diese sagten, wenn sie niemandem etwas in den Weg lege, so könne sie in das neue Haus kommen. Kaum gesagt, fühlte der Zimmermann, der in der neuen Haustüre stand und dabei seine rechte Hand an einen Türpfosten stemmte, etwas unter seinem rechten Arm in das neue Haus hinein schlüpfen (witschä). Die arme Seele blieb nun im neuen Hause im Felliberg sehr lange Zeit. Eines Tages im Sommer waren meine Eltern und des Vaters ältere Geschwister auf dem Felde an der Arbeit, während die jüngern Geschwister im Hause verblieben und eines von ihnen das kleinste gaumte und wiegte. Auf einmal hörten die Kinder jemand in der Kammer über ihnen; der ging herum, öffnete dann die Kammertüre, kam durch den Kammergang, über die Kammerstiege herunter. Die neugierigen Kinder öffneten die Stubentüre und schauten hinaus. Sie sahen einen grossen Mann mit verbrannten Hosen. Der ging durch den Hausgang. Gegen das Ende desselben stand auf einem Tisch eine Mutte voll Schotte. Der Unbekannte ergriff den angehängten Napf und führte ihn, mit Schotte gefüllt, zum Munde und tat, als ob er trinken würde. In Wirklichkeit »schlätterte« die Schotte wieder in die Mutte  zurück, dass die Kinder lachen mussten. Dann ging der Rätselhafte zur Haustüre hinaus, die Kinder ihm nach, fanden aber keine Spur von ihm; er war rein verschwunden. Viele Jahre später geschah es, dass mein älterer Bruder von unserm Bodenheim zu Meitschligen gegen die Alp Fellenen ging, um dort nach unsern Schafen zu sehen. Als er in unsern Felliberg hinauf kam, sah er einen schneeweiss gekleideten Mann daselbst aus dem Berghäuschen herauskommen; der ging ob dem Haus durch, hinter dem Gaden den Weg zu den Speichern hinunter, wo die weisse Gestalt dann verschwand. Das war jene arme Seele, die vom alten in das neue Haus hinübergezogen und nun erlöst war und seitdem nie mehr gespürt wurde.

Geisterkatze

Der Schlärggi aus Rainen hatte sich einmal in Gesellschaft guter Freunde im Hirschen zu Amsteg beim Wein lustig gemacht.  Man kam auch auf die Intschi - Katze zu sprechen, und der Schlärggi spottete ihrer. Nachdem er sich noch etwas Mut angetrunken, nahm er den Heimweg unter die Füße. Aber wohl! Gleich am Anfang der Plattibrücke kauerte sie, ein mächtiges Tier, Schwarz wie Kohle, mit blinzenden Augen. Sie gab ihm das geleite, indem sie zu seiner Linken auf der Reussseite auf der Mauerkrone dahinlief. Obwohl er einen festen Knüttel bei sich trug, wagte er es doch nicht, das unheimliche Tier zu belästigen. Er wäre dann gewiss nicht mehr lebend nach Hause gekommen. Sie begleitete ihn bis in sein Eigentum in der den Rainen hinte Intschi. Einzig beim Spitzacher- Egg, wo ein Kreuz an einer Esche an einen Unglücksfall erninnert, war sie eine kurze Zeit verschwunden. Seitdem fordert der Schlärggi die Intschi- Katze nie mehr heraus.

 

Außergewöhnliche Kraft

Ein Senn von aussergewöhnlicher Naturkraft waltete einst a'Waltschi in Gornern. Als eines Tages der Arm des Turners brach, ergriff er das mit Milch gefüllte angehängte Chessi zu beiden Seiten mit den Händen bei der Hiänä und stellte es in die Hütte auf den Boden hinaus, hängte es aberauf die nämliche Art wieder an den Turner, sobald dieser in Ordnung war.Der nämliche soll auch auf Urwängi in Seelisberg gesennet haben, wo er einst zwei Landjäger, die ihn holen wollten, genau so bewirtet habe, wie von Fridli Bucher (Bd. I, Nr. 28) erzählt wird.

 

Das unverschließbare Häuschen.

 

Bifang-Hansis zu Gurtnellen besassen nebst ihrem Heimwesen zu Waldi auch das Berggütchen Lehn. Darinnen steht ein kleines Häuschen, das sie aber nur zur Zeit von Heuet und Emdet bewohnten. Dieses Häuschen mochten sie nun verschließen, wie sie wollten, immer war die Türe wieder unverschlossen, stand oft sogar ganz offen. Die verständige Frau sagte, es sei gewiss eine arme Seele, die hier wandle; der etwas hartköpfige Hansi hingegen wollte solches um den Gugger nicht glauben; er meinte, es seien Diebe oder übermütige Nachtbuben oder sonst g'schändige Leute, welche die Türe wieder öffneten. Eines Tages arbeitete Hänsi im Lehn; da sah er auf einmal eine Weibsperson in der offenen Türe des Häuschens stehen. Er hielt sie für seine Frau und ging hin, um zu fragen, wie und warum sie auf einmal hieher gekommen. Als er hinkam, war niemand mehr in der Türe und im ganzen Häuschen kein Mensch zu finden. Auch Nachforschungen in der Nachbarschaft ergaben keine Aufklärung. Daheim, zu Waldi, stellte er am Abend seine Gattin zur Rede, musste aber erfahren, dass sie den ganzen Tag zu Hause geblieben. Nun gab auch er zu, dass im Lehnhäuschen eine arme Seele wandle.

 

Eine Bande Heiden

 bestehend aus vier Mannen- und drei Weibervölkern, kam eines Abends in des Treschen Haus im Wyler zu Gurtnellen und bat um Nachtherberge, die ihnen nach alter Sitte gastfreundlich gewährt wurde. Als sie das Nachtessen bereiten wollten, bettelten sie noch ein wenig Anken für die Mehlsuppe, und die Hausfrau, meiner 85jährigen Erzählerin Großmutter, holte ihnen im Keller einen Löffel voll gesottenen Anken, nicht ohne die Kellertüre gehörig abzuschließen. Am folgenden Morgen waren die Zigeuner schon bei Zeiten verschwunden. Zum Mittag wollte die Frau Tresch ebenfalls Anken im Keller holen, fand die Türe ganz richtig verschlossen, aber im Schlüsselloch sah sie Anken! Das fiel ihr auf, gleitig öffnete sie, stürzte auf die zwei Ankenhäfen los und fand sie beide – trockenpfundleer! Das Heidengesindel hatte den ganzen Vorrat durch das Schlüsselloch herausgezaubert.

 

Die Frau Ratsherrin

Zu Gurtnellen im Gute Grossprächtigen an der Reuss wohnte ein Ratsherr, dessen Frau mit zwei Schwestern, deren jede einen Ratsherrn heiratete, über den Waldstättersee hereingekommen war. Der Grossprächtiger hatte ob Gurtnellen ein Berggut. Auf diesem Berg musste er schrecklich  leiden. Alle Knechte, die er dahin tat, starben in kurzer Zeit, und so geschah es, dass gar keiner mehr sich herbeiliess, und auch das Gut nicht verkauft werden konnte. Da herrschte grosse Verlegenheit. Endlich kamen zwei Walliser, junge Burschen, mutvoll und kräftig, welche nicht wussten, was fürchten sei, und wünschten beim Ratsherrn Anstellung. Die Leute sagten ihnen, da würden sie bald tot sein, und der Meister selbst gestand den Knechten, es sei halt gefährlich auf diesem Berge, und mehrere seien dort einem Gespenst unterlegen. Die rüstigen Walliser liessen sich's nicht verleiden und meinten, das Gespenst wollten sie schon jaiken. Frohen Mutes gingen sie auf den Berg. Am dritten Abend, als der einte kochte, warf's ihm Russ durch das Kamin herab. Er lief mit der Pfanne in die Stube und fragte seinen Kameraden, ob sie zuerst essen oder das Gespenst jaiken wollten. Sie wurden einig, erst zu jaiken und dann zu essen. Da ergriff der eine einen Knebel und der andere einen Säbel aus heidnischer Zeit. Ersterer begab sich auf die Russdiele, um das Gespenst hinunter zu jagen, und als er herauf kam auf den obern Gang, wo man zur Diele gelangt, da riss ihn das Unding bei den Haaren hinauf. »Zieh nur hinauf!« sagte er, »bin ich droben, so will ich dich schon hinabtreiben.« Und kaum ist er oben, so treibt er das Gespenst vor sich her an das einzige Loch hin, welches von der Russdiele hinaus führte. Aber eben an dieser gefährlichen Stelle passte entschlossen der mit dem Säbel. In Gestalt einer schwarzen Katze springt das Ungeheuer durch diesen Engpass, und im Nu holt der Tapfere einen furchtbaren Streich aus, welcher der Katze den rechten vordern Fuss abschlug. Wie sie ihn aber näher betrachteten, war es eine Menschenhand, an deren einem Finger noch ein Ring steckte. Doch fürchteten sie sich nicht. Am vierten Tage kam der Ratsherr, um zu sehen, ob die Knechte noch am Leben seien. Sie erzählten ihm, was vorgefallen, und zeigten ihm die Hand, die sie aufbewahrt hatten. Er erkannte den Ring als denjenigen seiner Frau, die seit gestern daheim krank im Bette lag und immer den rechten Arm verborgen und verbunden unter der Decke hielt. Es tauchte in ihm eine furchtbare Ahnung auf, die leider sich bestätigte, als er nachher zu Hause die Untersuchung machte. Die Frau Ratsherrin wurde als Hexe verbrannt.

 

Vom Armenseelenlicht

 Einem Mann zu Richligen war die Frau gestorben, und er liess während des Dreissigsten für sie das Lichtlein brennen. Doch kam es ihm mit der Zeit zu teuer vor, und er ging mit dem Gedanken um, es nicht mehr zu unterhalten. Als er nun eines Abends heimkam und zufällig zuerst zum Fenster hineinschaute, sah er eine Anzahl Leute am Tisch um das Dreissigstlichtlein herum sitzen, und darunter erkannte er seine verstorbene Frau. Es waren alles arme Seelen. Nun fuhr er doch fort, das Lichtlein für die Verstorbene zu unterhalten.

 

Der Zaubernagel

Feld-Baschis in Gurtnellen hatten »ä scheeni Ribi« Rauchfleisch im Kamin hangen, als ein Zigeunerweib ins Haus kam, es betrachtete und rühmte. »Ja, aber die Würmer sind darin,« sagte Baschi. » Dem kann man schon abhelfen,« meinte die Zigeunerin und gab ihm einige Nägel, mit der Weisung, sie in die Fleischstücke zu stecken. Als es fort war, steckte Baschi einen der Nägel in einen Holztotz vor dem Hause. Der fing sogleich an, sich zu bewegen, als ob er der Zigeunerin nachlaufen wollte. Allein dazu war er zu schwer. Die Zigeunerin hatte es aufs Fleisch abgesehen.

 

Jäger Daxli

In dem alten Holzhäuschen nebendem neuen Schulhaus im Wyler zu Gurtnellen wohnte vor Zeiten der reiche Bauer und Jäger Sebastian Daxli. Der ganze Wyler vom  Gornerbach bis zum Märchlital war sein. Ihm begegnete eines Tages, als er mit einer Gemse auf dem Rücken aus Fellenen kam, auf der Fellibrücke ein fahrender Schüler und fragte ihn, ob er mit Blei gut versehen sei. »Nein, dessen habe ich nicht immer genug,« erwiderte Daxli. So wolle er ihm solches zeigen, sagte der Fremde, ging mit ihm über die »ghäcklet Plattä« und zeigte ihm im Fellitobel eine Bleiader. Dort konnte Daxli für sich und seine Freunde eine Menge Blei holen, durfte aber niemand die Stelle zeigen und nichts davon verkaufen. Andere konnten ihm zuschauen, wohin er ging, um sein Blei zu gewinnen; gingen sie aber denselben Weg, so fanden sie nichts. Daxli war reich, wurde aber zuletzt so arm, dass er seine Güter verkaufen musste.

 

Das saubere Hemd

 In der Gemeinde Gurtnellen lebte ein Mann, der mehr wusste und konnte als andere. Einst ging ein Steger zu ihm, um ihn über etwas Zukünftiges zu befragen. Er traf ihn im Stalle beim Vieh, über und über mit Kuhdreck beschmutzt. Zu Hause sagte er dann: »Ja, der! der isch-mer etz nu z'gmistätä, das-em eppis tät gläubä!« Aber es kam doch so heraus, wie jener ihm geoffenbart hatte. – Einst ging dieser sonderbare Mann zur Reuss hinunter, wo ein Gespenst hauste, um es zu bannen. Bei seinem Anblick ergriff das Gespenst eine Reusskugel, zerrieb sie zwischen den Händen zu Mehl und schrie: Wenn nit äs sübers Hämmli a'hättisch, sä zerrib-di!«

 

Die Pfaffenkellerin von Gurtnellen

 Droben im Bergdorf Gurtnellen erzählt man von der Pfaffenkellerin. Es laufen ihr, der Alten, junge Gespenster nach, denen sie lockt mit dem Rufe: »Su, Su!«  Dem Zuge immer voran, nahm die Alte den Weg über den Gurtnellerberg, über den Eilensaum und durch das Eilentobel, von dort bis ins Intschitobel, dann durch das Schwandental bis auf die Höhe des Nonnenstockes. Wenn sie wanderte, gab es sehr schlechtes Wetter. Einmal begegnete ihr auf diesem Zuge ein Nachtbub. Der hatte einen tüchtigen Stock in der Hand und war so frech, denselben dem Gespenste nachzuwerfen. Als er am folgenden Morgen den Stock wieder suchte, fand er ihn lange nicht und entdeckte ihn endlich auf einem der vielen Lindenbäume im Eilentobel zu oberst auf dem Wipfel eingesteckt. Und wieder geschah es, dass sie an einem Gaden vorbeijagte und ein Knabe sie erblickte. Er sagte es seinem Vater, der ihm hurtig hereinzukommen befahl. Doch blieb der Kleine so unter der Türe stehen, dass eines seiner Beine noch ins Freie hinausragte. Daran wurde er furchtbar krank.

 

Der getaufte Toggel in der Gorneralp

In Gornern oder einer andern Alp im Reusstale hätten die Älpler gerne einen Viererjass gemacht. Da aber ihrer nur drei waren, so machten sie aus Blätzen ein Ditti, setzten es auf einen Stuhl an den Tisch, gaben ihm die Karten in die Hand, und sein Partner spielte sie aus. Nach und nach gaben sie ihm auch zu fressen, tauften es und trieben Spott. Es wurde lebendig, redete, spielte und frass selber. Aber im Herbst bei der Abfahrt sagte der Toggel, der Senn müsse da bleiben. Er blieb, und die anderen Älpler fuhren ab. Als der Senn nicht nachkam, ging einer zurück; er fand ihn tot, geschunden, mit dem Kopf nach unten an der Hüttenwand aufgehängt. Der Toggel packte auch ihn und machte es ihm ebenso und auf die nämliche Art dem dritten Älpler, als er zurückkehrte, um zu sehen, was los sei. Als am nächsten Tage Leute vom Tale her in die Alp kamen, waren die Felle der drei Älpler auf dem Hüttendach ausgebreitet.

 

Die Männer mit Dreispitzhüten

Dem alten Butzerratsherr in Gurtnellen konnte man die schauerlichsten Gespenstergeschichten erzählen, er fürchtete sich nicht; und wenn sie auch noch so glaubwürdig erschienen, er glaubte sie doch nicht und machte nur seine Witze darüber. Aber eines Abends kam er doch auch totenbleich in die Alphütte zu Gornern gerannt und konnte eine ganze Weile kein lautes Wort reden vor Chlupf und Schrecken. Erst als ihm der Senn ein Gläsli Enzianis zur Stärkung hinstellte, erlangte er wieder die Sprache und erzählte den Neugierigen, er habe in der Gruoba drei unbekannte Männer gesehen mit altertümlichen dreispitzigen Hüten und langen Fräcken.

 

Der boshafte Götti

 Auf Stalden in Gurtnellen lebte eine alte Schnupferin. Sie hatte einen kleinen Götti, und der musste ihr allemal den Schnupftabak holen. Da kam es dem Fötzelbub nach und nach in den Sinn, sie zu hintergehen. Er füllte die Dose mit jenem schwarzen Staub, der sich oft an der Rinde der Kirschbäume bildet und dem Schnupftabak an Farbe und Geruch sehr nahe kommt, und behielt das Geld für sich. Da starb sie bald, und nach ihrem Tode kam sie jeden Abend zu dem Bub in's Bett und legte sich auf ihn. Er sagte es endlich dem Pfarrer, und dieser fragte ihn, ob er nicht etwa noch einen Franken von der Gotta selig besitze. Er sagte, ja, er habe noch einen Franken, den sie ihm gehelset habe. So solle er eine heilige Messe für sie lesen lassen. Er folgte, und nachher kam sie nie mehr.

 

Das halbierte Kind

 Mit einer Bristnerin hatte ein Jüngling von Gurtnellen Bekanntschaft. Ein guter Freund warnte ihn vor dieser Person; sie gefalle ihm nicht, sie habe so etwas Besonderes, sagte er. Dennoch heiratete sie der Gurtneller, und sie ließ sich ganz gut an. Sie bekam auch ein Kind, »gsund und grächt« wie jedes andere. Eines Abends fragte die Frau ihren Mann: »Sage mir, wem ist dieses Kind?« Der Mann schaute sie verwundert an und sagte: »Eh! das Kind gehört mir und dir.« Nun waren in der Wand zwei alte, große Holznägel, wie man sie in alten Häusern oft findet, und die Frau bat öfters den Mann, er solle diese Holznägel ausziehen, sie zerreiße ihre Kleider daran. Eines Abends gab der Mann nach und zog die Holznägel heraus. Am nächsten Morgen fragte ihn die Frau, wie schon mehrmals: »Und jetzt sage mir aufrichtig und bestimmt: Wem gehört dieses Kind?« »Ach, das weißt du doch,« entgegnete er, »das Chind isch mys und dys.« Als er am Abend vom Felde kam, war die Frau verschwunden, und auf dem Tische lag die eine Hälfte des Kindes. Mit der andern Hälfte war die Frau davon, und sie kam nie mehr zum Vorschein.

 

Stumper, der Musikant

 Ein Gurtneller Bursche wanderte zu nächtlicher Zeit von Amsteg her heimwärts. Es war damals noch die alte, schmale Saumstrasse. Wie er in die Nähe des Fellitobels kam, hörte er Musik, »äs Tanzspill«, und, sobald er um die Ecke bog und zum Brücklein im Tobel sah, nahm er unter diesem Brücklein einen hellen Schein wahr, und in diesem Schein tanzen eine Anzahl schwarzer Katzen, nicht etwa auf einer Diele, sondern über dem Wasser des Fellibaches, der unter dem Brücklein hindurchfliesst. Eine große schwarze Katze mit einem Stumpenschwanz spielt ihnen mit einer Handorgelen auf. Wenn sie etwa eine Pause macht, rufen die tanzenden: »Stumper, spill is wider einä-n-üff!« Wie gebannt bleibt der Wanderer stehen und schaut dem Spiele zu, bis auf einmal der ganze Zauber verschwindet. Nun setzt er seinen Weg fort, nicht ohne über das Geschaute nachzudenken. Am nächsten Morgen, beim Kalatzen, kommt die schwarze Katze der Meistersleute herbei; sie hat auch einen Stumpenschwanz, und jetzt ist es dem Burschen klar: »Das ist der Stumper, der gestern Abend unter der Brücke aufgespielt hat.« Er erzählt alles dem Meister und fragt scherzend: »Soll-er-es firha?« Der Meister hat nichts dagegen, und der Bursche fragt die Katze: »So Stumper, wo bisch nächtig gsy?« – »I ha miässä fort.« – »Jä, dä hesch-di mein-i luschtig gmacht und bisch bim Tanz gsy und hesch üffg'spillt!« Auf dies Wort verschwand die Katze und hinterliess einen furchtbaren Gestank.

 

Kampf mit Geistern

Der junge Bifängler-Hansi von Gurtnellen hirtete in seinem Gut Aarni in Meien und logierte dabei in einem Häuschen der Nachbarschaft. Nach alter guter Bauernsitte kochte er sich jeden Tag einen Milchreis. Das ging so eine Zeitlang; da fing es an, ihm Russ in den Reisbrei zu werfen. Kam er hungrig aus dem Stall oder von der Arbeit und wollte sich an der gesunden, wohlschmeckenden Speise gütlich tun, dann war sie brandschwarz und mit einer hohen Russchicht bedeckt. Da blieb er einmal, nachdem er den Reis im Pfännchen über Feuer getan, in einem anstossenden Gemach, um zu sehen, wer ihm solchen Schabernack spiele. Auf einmal brach in der Küche ein Lärm los wie in einer Mühle. Das ging zu, ripps rapps, man hätte meinen sollen, es wäre Krieg. Hansi liess es gewähren, und als er nachher die Küche betrat, richtig, da war der Milchreis branderdenschwarz. Am folgenden Abend jedoch stürzte er sich, sobald der Lärm wieder losging, in die Küche hinaus und rief herausfordernd: »Mit diër wil-i scho schwingä! Lüegä wil-i, ob-i nitt stercher syg ass dü!« Es war ein Gespenst da, halb sichtbar und halb unsichtbar. Das griff er an, fühlte aber nur dessen Beine, und diese waren rauh wie Tannrinde. Sie rangen miteinander, der Bifängler und das Gespenst, brachten einander auf die Knie, aber nicht weiter. Jenem wurde es nach und nach schwindlig; er fiel um und wurde halb bewusstlos am Morgen angetroffen. Man musste ihm »Heer und Dokter« holen, und viele Wochen lang lag er mit geschwollenem Kopf auf dem Krankenbett.

 

Teufel und Wildschütz

 Auf den Arnibergen ging ein Jäger aus der Umgegend sehr oft auf die Jagd, und nie schoss er umsonst, immer fiel ein Gewild, meistens ein Hirsch oder eine Gemse. Das fiel allgemein auf, und man raunte sich in die Ohren, es gehe nicht mit rechten Dingen zu. Der Jäger hatte einen geistlichen Bruder, der dessen inne ward. Dieser wohnte einmal der Jagd absichtlich bei. Wie nun der Schütze fast in einem Akt eine Gemse erblickte und schoss, da sah der Priester, der ihm über das Gewehr hinaus schaute, dass der Teufel das schöne Wildbret bei den Hörnern hielt, sodass es sofort dem Schusse erlag. Der Teufel musste alle Kraft anwenden, das geängstigte Tier zu halten. Der heig da scho äs rächts Boorzi gmacht. Der Geistliche brachte seinen Bruder von dieser verbotenen Kunst und dem Teufelsbündnis ab und nahm ihm die Kraft zu solchen Schüssen.

 

Wartstafel

Wartstafel heisst ein Teil der Gornernalp, eine Erhebung daselbst die Wartegg und ein grosser Felsblock der Wartstein. – Zwei müssige Älpler hatten einst beim Wartstein einen lebhaften Disput miteinander; der eine behauptete hartnäckig, man sei imstande, sich mit einem gewöhnlichen Riedhalm zu erhängen, der andere bestritt es standhaft. Es sollte eine Wette gelten. Der erstere zieht aus der Alpstreue einen Riedhalm heraus, befestigte ihn an der Latte, die sie über den breiten, nach unten sich erweiternden Spalt des Wartsteins gelegt hatten, hängt sich daran, während der Kamerad zuschauen soll, um im Ernstfall zu Hilfe zu eilen. Im selben Augenblick läuft aber hinkend und wackelnd ein dreibeiniger Hase an der Hütte vorüber; der Zuschauer erblickt ihn, ruft dem Kameraden: wart, wart! und läuft dem unglückseligen Tiere nach, das nach zahllosen Kreuz- und Quersprüngen und allerlei Kapriolen auf einmal nirgends mehr zu sehen ist. Nun kehrt der enttäuschte Verfolger in die Hütte zurück, trifft aber zu seinem Schrecken den Freund tot im Riedhalm hängend. Seither heisst dieser Teil der Gornernalp Wartstafel.

 

Hexenwerk beim Ankensieden

Zu Häggrigen war die Mutter damit beschäftigt, ein Chessi voll Anken einzusieden. Schon begann er zu zerfliessen, als ein fremdes, altes Müetterli mit aufgelösten, über den Kopf herabhangenden Haaren in die Küche kam und etwas Anken bettelte. »Hesch de-n-äs Gschirrli?« fragte die Mutter, was die Fremde verneinte. »Sä cha d'r ich kei Ankä gä,« hiess es jetzt, »miär hennt zwenig Gschirr.« Da stellte sich die Unbekannte ein wenig auf die Seite und verliess nach einiger Zeit das Haus durch die Hintertüre. Jetzt fing es an, im Anken – nicht etwa im Feuer! – zu chlepfen, zu braschlen, zu krachen und zu pfeifen auf eine übernatürliche Art und Weise. Der Anken hob sich plötzlich im Chessi, ging über und tat furchtbar, selbst dann noch, als das Feuer schon abgestellt war. Die Mutter schüttete davon in eine Mutte; er siedete und wallte immer noch im Ohessi und in der Mutte. Erst, als sie Gesegnetes hineintat, hörte der Spuk auf. Mehr als 20 Pfund Anken gingen dasselbe Mal verloren. Nachher vernahm man, es sei eine alte Hexe gewesen. Der Landjäger packte sie. 

 

Der Fuchs in der Pfaideralp 

 Ein Gurtneller, der in einer Alp zu Pfaid (Faido) im Kanton Tessin, gedient, erzählt: »Schon oft war mitten am Tage ein Fuchs auf der Alp erschienen, der sich ganz ungeniert bei den Kühen herumtrieb, aber keiner etwas zuleid tat und auch keinen Menschen belästigte. Der Meister sagte: ›Dem will ich schon einmal reiken, dass er nicht mehr kommt!‹ Der Senn hingegen riet ihm ab, denn er ahnte wohl, dass es kein rechter Fuchs sei. Eines Tages erschien ein Kapuziner von Pfaid auf der Alp, und dem erzählten sie von dem sonderbaren Tier. ›Wenn euch der Fuchs nicht schädigt, so füget ihm kein Leid zu,‹ riet er den Älplern. Doch der Padrone konnte sich nicht enthalten, ergriff nach einigen Tagen das Gewehr und schoss auf den Fuchs. Aber das kam nicht gut heraus! Die Waffe flog in hundert Stücke auseinander, und den Schützen warf es mehrere Schritte rückwärts zu Boden, wo er einige Minuten besinnungslos liegen blieb. Doch das Füchslein war verschwunden auf Nimmerwiedersehen.« 

2. Wieder diente ein Gurtneller und zwar als Senn in der Pfaideralp. Wenn er allemal im Käsgaden mit den Käsen beschäftigt war, kam immer ein Fuchs daher, legte sich auf die Türschwelle und schlug von Zeit zu Zeit mit den Vorderpfoten auf die Hüttendiele, wie ein Hund, der bescheiden um einen guten Brocken bettelt. Da ihm das Tier nichts in den Weg legte, liess auch der Senn es gewähren. Da kam ein anderer Senn auf die Alp, und der Gurtneller machte ihn auf den seltsamen Gast aufmerksam und ermahnte ihn, selbem nichts zuleid zu werken. Aber der neue Senn konnte sich nicht bemeistern und wollte den Fuchs eines Tages abklopfen. »Aber sit dem Äugäblick isch der Sänn fortchu, mä weiss nitt wiä, und isch-ä niämmer meh z'gseh chu.«

 

Die Äschwaldkatze

Die Äschäwaldkatze hauste im Äschäwald zu Gurtnellen unter einem grossen Stein und führte oft nächtliche Wanderer in die Irre. Von Zeit zu Zeit machte sie auf der Landstrasse eine nächtliche Wanderung von der Wylerplangg bis zum Äschäwald. Der Dubälitoni wurde eines Abends gewarnt, den Äschäwald zu begehen. Aber er lachte nur und meinte, mit der Pfaffenkellerin werde er es schon aufnehmen. Als er das Trögli in der Äschä erreichte, da war es ihm auf einmal wie in einem Sack, weder nach rechts, noch nach links konnte er sehen, nur gerade ob sich, und das hörte erst auf, als er das St. Johannes Evangelium betete. Aber auch sonst ist es im Äschäwald nicht geheuer. Ein Gurtneller erblickte zur Nachtzeit mitten in der Landstrasse in der Äschä einen offenen Regenschirm, der über die Strasse hinaus rollte und, als er näher kam, spurlos verschwand.

 

Der Spuk im Stalle

Der Waldi-Seppi zu Gurtnellen hielt seine Schelmengeisslein im Gaden in Wältis Weid. Schon öfters hatte ihm seine Gattin mitgeteilt, dass sie manchmal Einen sehe von Haselisgand herkommen und in Wältis Gaden verschwinden. Seppi wollte das nicht glauben. Aber es sollte anders kommen. Eine Geiss wollte gitzlen. Tapfer marschierte des Abends der Seppi nach Wältis Gaden, um zu wachen. Aber gar nicht lange ging es, da kam er im hellen Lauf und in Schweiss gebadet wieder in seinem Häuschen im Schwynacherli an. Er wollte nicht mehr länger wachen, obwohl er sicher war, dass das Tier noch in derselben Nacht werfen werde. Als er verschnauft, erzählte er: »Ich hatte mich auf die Hühnerkiste gesetzt; nach einer Weile kam plötzlich der Geissbock ab der Kette. Gedankenlos band ich ihn wieder an. Bald aber war er wieder los und so zum dritten Male. Da hat es mich doch angefangen zu fürchten, und ich floh davon; um kein Geld wache ich mehr in diesem Stalle. Hansi, wenn du gehen willst, so bin ich froh; die Geiss wird bald gitzlen.« Hansi machte sich auf den Weg; ihm ist nichts begegnet. »So isch es präzis«.

 

Die geheimnisvolle Kuh

 Soeben hatte der Äller-Seppi in der Alp Siglisfad die Kühe auf die Weide getrieben. Bald nachher kam deren eine, die weisse, zurück, und er sagte zornig: »Was meintsch, was hed ächt dië Häx, dass si wider z'ruggchunnt?« Er ging ihr entgegen und gab ihr einen Fusstritt. Im Augenblick war das Tier verschwunden, und der Äller-Seppi hatte ein geschwollenes Bein, das noch Tage lang ganz schwarz war und ihn zwang, die Alp eine Zeitlang zu verlassen.

 

Der Alpschimmel in Gornern

Vor Zeiten hatten auch die Pferde das Recht in Gornern. Aber die »Chiëhpürä« sahen sie nicht gern und fingen einen Rechtshandel an mit den Besitzern derselben und erreichten damit wenigstens soviel, dass künftig auch die Pferde mit den Kühen »z'Plangg«, das heisst in die steilen Halden hätten fahren sollen. Aber solches konnten die Rosse nicht leisten, und sie blieben nach und nach der Alp ferne, und zuletzt war nur noch ein einziges erschienen, »ä wyssä Schimel«, aber auch das war den Älplern nicht lieb. Eines Abends änderte der Senn seinen gewohnten Betruf und rief: »B'hiët uns Gottes alles vor allem Beesä, was hië ummä-n-und anä-n-ist, ohne der weisse Schimmel nicht!« Und wirklich! am nächsten Morgen fand man das arme Tier tot vor dem Alptürli zwischen zwei Steinen wunderbar eingeklemmt. (Oder: an den Ästen einer hohen Tanne aufgehängt.) Aber seit jenem Abend hatte man in der Alphütte keine rechte Ruhe mehr. Von Zeit zu Zeit hörte man nachts wie mit beschlagenen Rossen vorbeireiten, besonders wenn schlechtes Wetter im Anzug war. Der Haltä-Jochäli von Gurtnellen hat's noch gehört, aber mein Haupterzähler, ein 80-jähriger Greis, der ihm 50 Jahre hindurch im Sennenamt nachfolgte, hat's nicht mehr selber erfahren.

 

Der dienstfertige Alpgeist

Als einst der Chählä-Jaggli von Gurtnellen vom Besuche des sonntäglichen Gottesdienstes in die Gornernalp zurückkehrte und beim Eingang in die Alp jauchzte, da jauchzte es ihm zu seinem Erstaunen von seiner Hütte zu Balmen entgegen. Er marschierte weiter, und nochmals liess er einen fröhlichen Jauchzer erschallen. Dasselbe Echo von der Hütte her! Dort angelangt, fand er alles zum Melken bereit und gerüstet. Von jetzt an war ihm während des ganzen Sommers eine unsichtbare Hand bei all seinen Arbeiten behilflich. Als er im Herbstmonat die Alp räumte, hörte er »es« jämmerlich flennen und schreien. So ging es mehrere Sommer. Zuletzt beriet er sich mit seiner Frau und fragte: »Äh, wennd's nu einisch äso flännet, sol-i riäfä, äs chenn mit mer chu?« Sie hingegen meinte, er solle das nicht tun. »Wom-mier ja susch afigs d'Stubä vollä Chind hend, hätt das Umghyr ja kei Platz meh.« Am nächsten Herbst weinte und flennte »es« wieder so barmherzig, dass es ihn beelendete, und er sein Herz nicht verschliessen konnte. Er rief: »Ohni Schadä-n-und Nachteil fir ys und Kind channsch dü ja mit mer chu!« Wie er die Grenzen der Alp überschritten, fühlte er es (het's gwahret) Tritt für Tritt ihm folgen und daheim beim Eintritt in das Haus unter seiner Achsel hindurch in das Haus hineinschlüpfen. Das Ungeheuer blieb jetzt immer beim Jaggli, und er hatte Glück sein Leben lang. Im Hause liess es sich nie hören und war niemandem im Weg; nur wenn es schlechtes Wetter gab, hörten sie die Kammertüre zweimal auf- und zugehen.

 

Untergang von Waldi.

 In Fellenen sind heute zwei Alpen, Vorder- und Hinterwaldi. Die bildeten vor Zeiten ein einziges prächtiges Berggut, Waldi genannt, und waren im Besitze eines reichen Bauers. Dieser hatte drei heillos schöne Meitli. Wenn allemal zu Gurtnellen im »grossen Haus« zur Fastnachtzeit Tanz war, sagten die Musikanten, sie fangen nicht an zu spielen, bevor die »Waldi-Meitli« da seien. Und dann holte man sie herbei. Nach vielen Jahren, als die drei Meitli schon verheiratet waren, hörten die Leute im Waldi eine Stimme rufen, sie sollen fort. So drei Abende nacheinander. Aber sie folgten nicht. Am vierten Abend brach ein ungeheures Felsstück ob der Senntenhütte im Vorderwaldi los und begrub einen grossen Teil des schönen Bodens samt den Menschen und Viehsennten.

 

In Gurtnellen wird erzählt

Fridli Bücher, der aber nicht in Uri, sondern »neiwä da ussä-n-ummänand« daheim war, streute aus, er habe bei seinem Rechtshandel selber gesehen, wie den Richtern Feuerflammen aus dem Munde hervorgebrochen. Während er einst in seiner Alp mit Käsen beschäftigt war, kamen zwei Landjäger, um ihn abzufassen. Fridli bewirtete sie; in einer Hand brachte er eine Mutte voll Süffi, in der andern eine Mutte voll Milch, an der noch der schwere Schweignapf angehängt war, und hielt ihnen beide Mutten hin zum trinken, ohne sie abzustellen. Da machten die Landjäger kuriose Augen und wagten nicht, Hand an ihn zu legen. Fridli aber ging freiwillig mit ihnen. Auf dem Wege zerrte er eine mannsbeindicke Birke aus und wand sie um seinen Leib wie einen Gurt. Vor Gericht hätte er seine Aussage widerrufen sollen, aber er sagte, das sei ein schlechter Mann, der nicht bei der Wahrheit bleiben dürfe. Daher wurde er zum Tode durch Henkershand verurteilt. Als sie ihn hängten, zerriss der Strick zum zweiten Male, und Fridli meinte, der Hanf müsse faul sein, und fügte hinzu: »Wenn-er wennt richtä, sä richtet g'schwind, Ich g'seh scho chu Wyb und Chind.« Sein letztes Wort war: »Der Fridli laht si la hänkä. Si wärdet nu annä dänkä.« Später wollten sie von Rom heilige Gebeine kommen lassen, aber da hiess es, sie hätten heilige Gebeine in der Nähe, sie sollen nur unter dem Galgen suchen.

 

Die Räuberbande

Die Gotthardstrasse war nicht immer sicher zu begehen. Soldaten, die aus fremden Ländern heimkehrten, und anderes arbeitsscheues Gesindel verlegten sich auf das Räuberhandwerk. Namentlich war der finstere Wassnerwald in der Gemeinde Gurtnellen, der sich zwischen Meitschligen und Wyler fast eine Stunde weit ausdehnt, eine gefürchtete Gegend. Das Brüllen der Reuss und des Fellibaches übertönte jeden Hilf- und Jammerschrei eines Opfers. Eine Räuberbande von 48 Mitgliedern, soviel nämlich als Karten im Kaiserspielries1, bewohnte eine gutversteckte Höhle im Fellitobel nicht weit von der Fellibrücke und den einsamen Güetligaden an der Gotthardstrasse, hart an der vorüberfliessenden Reuss. Die Glieder der Bande benannten sich gegenseitig nach den Namen der Spielkarten: Schallä-Joos, Blass, Schiltä-Sü, Mugg usw. Bei der Fellibrücke spannten sie nachts Seile oder Draht über die Strasse und befestigten Schellen daran oder legten Fallen, und die Leichen ihrer Opfer warfen sie in den Fellibach oder in einen Gunten der tosenden Reuss, daher die Namen Fellibach, Fellital, Fellenen. Die kostbarsten Postsachen musste der Hansli Metzger von Wassen über den Gotthard spedieren. Er war den Räubern schon längst bekannt, und es fehlte nicht an Nachstellungen, um ihn zu fangen; aber noch immer war er ihren Schlingen entgangen. Er lachte ihrer nur, und die Bande wurde ganz erbost über ihn. Er wusste auch, dass sie im Güetligaden »ä wiätigä Hüffä Gäld« versteckt hatten. Eines Abends, da die Bande ausgeflogen, stellte er sein weisses Rösslein in den Untergaden, dessen Türe damals gegen die Strasse gewendet war (heute umgekehrt gegen die Reuss), er selber legte sich in den Obergaden, um die Räuber zu tratzen, und deckte sich mit einem Laden. Im Laufe der Nacht kamen diese zurück, aber immer nur ganz wenige auf einmal; den Hansli hielten sie in der Dunkelheit für einen der ihrigen. Nachdem alle achtundvierzig angekommen und den neuen Raub dem alten Geldhaufen beigesellt hatten, legten sie sich schlafen. Als alle schnarchten, stand Hansli auf. »Wer da?« rief einer der Räuber. Der unerschrockene Hansli, mit den Namen und Gewohnheiten der Bande vertraut, antwortete: »D'Schallä-Sü (ds Schallä-Nyni) müess üff ga tschodärä.« Zum Glück schlief diese fest, sonst wärs um den Verwegenen geschehen gewesen. Dann packte er das Geld der Räuber, legte im Untergaden und auf der Bsetzi Decken und Mäntel auf den Boden, nahm sein Rösslein heraus und bestieg es auf der Strasse. »Der Hansli Metzger midem grossä Gäldgurt isch da, wenn-er eppis vonem wennt!« rief er noch höhnisch zum Heutor hinauf und sprengte aus Leibeskräften davon. Die Rotte erwachte, und wie ein Bienenschwarm, der Schallä-Joos voran, stürmte sie zum Tor hinaus. Auf der Leiter strauchelte der Schallä-Joos, fiel und brach sein rechtes Bein, wie man das noch heute auf den deutschen Karten sehen kann. Doch raffte er sich auf, und hinkend folgte er noch eine ganze Strecke weit seinen Gesellen nach. – »Syg nu ä ganzä Stuck nachäg'hilpet«. – Im Schluchenkehr unterhalb Wassen beim »gezeichneten Stein« erreichten die schnellsten der Räuber den Hansli, und in dem Augenblick, da dieser über einen Trämel, der im Wege lag, setzen wollte, packte der Schiltä-Joos den Schwanz des Pferdes bei den Haaren. Aber wie der Blitz wendet sich Hansli Metzger um, mit einem kräftigen Schwerthieb haut er seinem eigenen Tier den Schweif ab, und der Schiltä-Joos stolpert über den Trämel und fällt auf die Nase, den Pferdeschweif fest in die Hände gepresst. Zum ewigen Andenken daran hält auch heute noch der Schiltä-Joos im Kartenries ein Schwänzchen im Maul. Der Reiter aber musste sein Tier in des Teufels Namen antreiben und sprengen, und als er zu Hause ankam, fiel das Rösslein tot zusammen. Die Bande hatte einmal im Kanton Wallis ein Mädchen gefangen und es gezwungen, ihnen die Hausordnung zu machen. Es war einem der vier Ober zur Gattin bestimmt. Oft musste es nach Wassen oder Amsteg gehen, um Lebensmittel zu holen. Da verriet es endlich die Räuber, wie einige Erzähler sagen, beim Pfarrer und verabredete mit den Leuten, es wolle ihnen den Weg zur Räuberhöhle durch Krüsch oder Sagmehl kenntlich machen. Das Mädchen tat es, die Leute folgten den Spuren, und zur genau bestimmten Stunde erschienen sie vor der Höhle, als die Räuber gerade beim Nachtessen sassen; es war 7 Uhr abends. Das Mädchen hatte sich noch rechtzeitig unter dem Vorwand, es müsse die Notdurft verrichten, hinausgemacht. Die Öffnung der Höhle war rund wie ein Wellchessi und so klein, dass nur je ein Mann auf einmal hinaus- und hineinschlüpfen konnte. Die Belagerer riefen hinein: »So jetz, wenn-er Fiddlä (d.h. Mut) hennt, sä cheemet!« Ein Räuber nach dem andern erschien in der Öffnung, und jedem wurde der Kopf abgeschlagen und der Rumpf herausgezogen, bis das ganze Ries getötet war. Von diesen Räubern, so sagte man früher in Wassen und Göschenen, stammen die Ursner ab.

 

Die Geistersennen in der Leutschachalp.

 Ein Zurfluh von Intschi blieb nach der Alpabfahrt mit etwas Schmal- und Galtvieh in der öden, melancholischen Leutschachalp zurück. Als er einst nachts wachend auf seinem harten »Nischt« dalag, brachten unbekannte Hirten und Knechte Milch in die Hütte und schütteten sie in's Chessi, dann kam der Senn, machte Feuer, dass es prasselnd um das Chessi schlug, – »das heig da gspratzlet und a dz Chessi üfa g'lället« – scheidete mit Käslab die Milch, rührte mit dem Brecher den werdenden Käse, zog ihn heraus und trug ihn in der Blache in's Ladd. Hierauf trat der Dinner sein Amt an, scheidete mit Trank die Sirte, hob den tropfenden Ziger heraus und hing ihn zum Trocknen auf. »Su, Suh! Su, Suh!« rief er in die Nacht hinaus. Lärmend kamen die hungrigen Schweine herbeigerannt und machten sich grunzend und zankend über die Schotte her, die der Dinner in den hölzernen Trog geschüttet hatte. Auf einmal verschwand alles.

 

Der Jakobsee 

Furt ist heute ein Ausstafel der Leutschachalp ob Amsteg, nach der Sage aber bildete es vor alten Zeiten eine Alp und konnte zwei Sennten erhalten. Eines Abends flog ein weisser Vogel über die Alp und schrie: "Furt, Furt "! Die Alpschweine stellten die Ohren, horchten auf und in rasenden Galopp stürmten sie davon talauswärts. Nicht so die Menschen mit dem übrigen Vieh; sie blieben. Am zweiten Abend erscholl der gleiche Ruf. Der Senn des einen Sennten meinte, man solle doch die Warnung beachten und die Alp verlassen. Er wurde jedoch nur ausgelacht. Der dritte Abend, es war der Abend vor St. Jakobstag, brachte schwarze Wolken mit die sich drohend über der Alp lagerten und wieder erschien der weisse geflügelte Bote über der Alp und schrie mit schauerlicher Stimme: " Furt, Furt"! Der eine Senn liess sein Sennten zusammentreiben und verliess mit ihm und seinen Knechten die unheimliche Alp. Ein schreckliches Gewitter brach los. Als sie auf Heitersbüel noch einmal zurückblickten, berstete gerade die Felswand ob der Alp und stürzte samt dem dahinterliegenden Jakobsee krachend zur Tiefe und begrub die Trift mit Menschen und Vieh unter haushohen Trümmern. Seit jener Zeit heisst die Gegend Furt und ist nicht mehr nutzbar, den Stafel mussten sie auf eine andere Talseite verlegen.

 

Arme Seele auf Moosberg

 Auf Arni im Moosberg hatte die Lawine ein Haus zerstossen und der Besitzer baute an einer anderen Stelle ein neues. Da hörte er eines Tages auf dem alten Hausplatz flennen und merkte, dass es eine arme Seele sei. Wenn es niemandem etwas zuleide tue so könne es im neuen Haus einkehren, rief Ihr der Mann zu. Da kam sie in Mannesgestalt ins neue Haus hinein und nahm ihren Platz auf dem Sitz hinter dem Ofen ein und er gab ihr ein Schelmenchen, dass es ihre Füsse darauf stellen konnte. Ausser dem Bauern sah sieh niemand. Nach einem Jahr sah er sie ganz schneeweiss vom Hause über den Treschenbüel dahinschweben.

 

Der Schatz auf dem Oppli- Egg

 Auf dem Oppli- Egg zwischen Opplital und Wilerlaui sind drei Kisten mit Gold im Erdboden vergraben. Sie werden aber von einer Kröte oder von einem Frosch behütet. Wer dreimal nacheinander um das Tier herumgeht und ihm nach jedem Umgang einen Kuss gibt, der kann einen unermesslichen Schatz heben. Drei kecke Burschen habe es einmal gemeinschaftlich versuchen wollen. Der erste brachte es auf zwei Küsse, da schwoll das Tier an, der Bursche erschrak und ging zurück. Der zweite wagte noch einen Kuss, floh aber, als das Tier Flammen spie und der dritte nahm angesichts des schrecklichen Untiers Fersengeld ohne einen Kuss zu probieren.

Der Mann ohne Kopf

 Gegen den Rosstock in der düsteren Leutschachalp ab Amsteg bewegte sich eines schönen Wintermorgens eine Kolonne rüstiger Männer von Intschi, im Gänsemarsch langsam aber ausgiebig bergan steigend, um aufgetristetes Wildheu zu fassen. Zwischen Chäserli und Heitersbiel kommt ihnen ein Mann ohne Kopf entgegen, den sie nicht kennen. Dieser marschiert am Ersten der Gruppe, Inderkum mit Namen, vorbei und verschwindet sofort, sodass der neugierig zurückschauende Inderkum ihn schon nicht mehr erspäht. Den Übrigen, die etwas zurückgeblieben, begegnet der Unbekannte überhaut nicht. Im folgenden Sommer anno 1860 verunglückte Inderkum in jener Gegend, als er zwei Neesli in den Rosstock führte und fiel über eine schreckliche Fluh zutode und zerschmetterte in kleine Stücke, den Kopf fanden sie nicht einmal.

Wahr geworden

Gerne und fleissig nahm ein armes Fraueli von Gurtnellen, das für sich und seinen bequemlichen Mann arbeiten musste, an den Bittgängen und besonders an den Leichenbegängnissen Anteil, kam aber gewöhnlich zu spät. »Wenn ich einisch z'biärdigä bi, ich well de scho machä, sy miend si de nu der Wyl lah!« meinte es mehr als einmal. Nun ereignete es sich, dass dieses Fraueli bei der Bitzilücke, vom Schlage getroffen, zu Boden fiel und als Leiche im »grossen Hause« bis zur Beerdigung aufbewahrt wurde. Auch der Ehemann hielt Wache, erhob sich aber nachts gegen zwei Uhr, um in der »Kehlen« sein Vieh zu besorgen. Gegen vier Uhr war er damit fertig, kleidete sich an und begab sich abwärts, um die sterblichen Überreste seiner Gattin zur Pfarrkirche in Silenen zu begleiten. In Schnee und Dunkelheit verirrte er sich, geriet bei der »Stelli« auf die Fluh hinaus und fiel zutode. Statt mit der Toten den letzten Gang anzutreten, mussten die Gurtneller den Verirrten suchen, den sie auch, aber als Leiche, am Fusse des Felsens antrafen. So kam es, dass der Leichenzug Gurtnellen viel zu spät verlassen konnte und in Silenen ankam, als der Gottesdienst schon lange beendet war. Aber am Fusse jenes Felsens bei der Stelli hatte man es vorher öfters flennen gehört.

Das eingemauerte Gespenst

 Im Wyler zu Gurtnellen stand noch vor wenigen Jahrzehnten ein uraltes Holzhaus an einer Biegung der Gotthardstrasse, das zwei Brüdern Tresch gehörte, von denen es ein Vetter mit dem hübschen Spitznamen »der Horäsager« erbte. Auf der Rückseite des Häuschens war ein kleines Gemach angebaut; niemand betrat es, denn es war, wie mir ein alter Mann sagte, von allen Seiten zugemauert. Ja, viele mieden es schon von weitem, denn es hiess, es sei darinnen ein Gespenst verbannt. Vor alten Zeiten kam einmal, als gerade beide Türen des Hausganges in diesem Häuschen gegen einander offen standen, ein Fraueli des Weges, betrat das Haus und sagte zu den Inwohnern: »Ich komme aus den Niederlanden und muss wandern, bis ich von der Strasse aus durch ein offenes Haus hindurch wieder auf die Strasse hinaussehe. Wenn ich ein solches Haus treffe, darf ich mich darinnen niederlassen. Da dies hier zutrifft, so bleibe ich hier; ich habe das Recht dazu.« – Und es blieb nun da und hielt sich ruhig in einer Firstkammer. Man hörte und merkte nie etwas von ihm. Nur wenn schlechtes Wetter im Anzug war, hörte man zweimal die Kammertüre auf-und zugehen. Später kam ein anderer Besitzer in das Haus, und dieser liess das Gespenst bannen und einmauern. Nach anderer Erzählart sagte das Fraueli, es habe das Recht, jedes Gebäude zu beziehen, wo man durch offene Lücken oder Fenster oder Türen von der einen Seite des Gebäudes auf der andern Seite wieder in das Freie sehe. Das het der Horäsager mängisch gseit, mä sell niä immänä Hüsgang die zwee Hüstirä gägänand offä lah, susch cheemet diä armä Seelä-n-innä.

Der Waldbruder im Felliberg

In den Fellibergen, Gemeinde Gurtnellen, ist das Waldbruderchäppeli, daneben stand früher das Brudergädemli, an dessen Stelle meine Voreltern, die Riedmatterig, später einen grossen Gaden gebaut haben. Dort hauste vor Zeiten ein Waldbruder. Der las im Chäppeli alle Tage die heilige Messe. Es muss aber ein Geist gewesen sein, denn er war niemand sichtbar ausser seinem Altardiener. Das war der Geissbub meiner Vorfahren. Der diente ihm alle Morgen, wenn er mit den Geissen gegen Fellenen zog, zu Altar. Aber der Waldbruder verbot ihm strenge, irgend jemand etwas davon zu sagen. Da er aber alle Morgen furchtbar pressierte, fiel das den Meisterleuten auf, und endlich sagten sie ihm, wenn er das Geheimnis nicht verrate, so würden sie ihn verjagen. Er war ein armer Bub, ohne Eltern, und deshalb bekannte er. Als er am nächsten und folgenden Morgen wieder zur Kapelle kam, war der Priester verschwunden, die Kerzen waren ausgelöscht, rauchten grad noch. Der Geissbub bekam ihn nie mehr zu sehen.

Müller, Sagen aus Uri