Das
Gornerental ist bekannt wegen seines Reichtums
an Murmeltieren
Wenn
die Murmeltiere in den Alpen
Mitte April nach dem Winterschlaf wieder ans
Licht kommen, müssen sie sich vielerorts
erst
durch eine ordentliche Schneedecke buddeln. Für
das Liegen an der Frühlingssonne bleibt kaum
Zeit, denn jetzt beginnen die härtesten Wochen
des Jahres. War das ausgewachsene Tier Ende
September fünf Kilogramm schwer gewesen, haben
die sechs Monate Nulldiät 30 bis 50 Prozent des
Körpergewichts gekostet. Um wieder zu Kräften
zu kommen, sollte das Tier nun tüchtig fressen.
An den wenigen aperen Stellen gibt es aber nur
kümmerliches Grünzeug. Und während der
Hungrige weite Strecken ohne Deckung und fern
dem schützenden Bau über die Schneefelder
wandern muss, kreist am Himmel der Adler, lauert
im Geröll der Fuchs. Inmitten dieser
Frühlingsnot opfern die Murmeltiere auch noch
wertvolle Körperkraft für die Paarung und die
Aufzucht von bis zu
sieben Jungen. Da stellt
sich doch die Frage, warum das Murmeltier nicht
ein paar Wochen länger in seinem Winterschlaf
verharrt und erst ans Licht kommt, wenn auch im
Hochland die Vegetation spriesst. Die Antwort:
Der nächste Winter kommt bestimmt. Je früher
die Murmeltiere die neue Generation auf die
Beine bringen, desto mehr Zeit bleibt den
Jungen, sich für ihren ersten Winterschlaf das
überlebenswichtige Fett anzufressen. Wenn die
Jungen Anfang Juni im Winterbau zur Welt kommen,
sind sie nackt, taub, blind, zahnlos und kaum 30
Gramm schwer. Bei ihrem ersten Ausflug ins Freie
nach 40 Tagen Kinderstube wiegen die
«Kätzchen» (so die Jägersprache) bereits 250
Gramm. Und im September ist mit 1,5 Kilogramm
das Fünfzigfache des Geburtsgewichts erreicht.
Wie die Jungen schuften auch die Alten
unermüdlich für eine stattliche Figur: Etwa
die Hälfte der Zeit, die das Tier im Freien
verbringt, gilt dem Fressen, wobei täglich bis
zu 1,5 Kilogramm Pflanzenmasse konsumiert
werden. Beliebt sind proteinreiche Krokusse,
Kräuter, junge Gräser. Damit auch die
unverdauliche Zellulose genutzt werden kann,
halten sich die Murmeltiere im extrem grossen
Blinddarm als biochemische Helfer spezialisierte
Bakterien. Ende September ziehen sich die 5 bis
15 Tiere einer Sippe in das von vielen
Generationen mit den Pfoten gegrabene
unterirdische Refugium zurück. In einem mit Heu
warm gepolsterten Wohnkessel legen sich die
Tiere eng aneinander - für die «lethargie
conservatrice», den energiesparenden
Riesenschlummer, wie ihn schon im Jahre 1853
Friedrich von Tschudi im «Thierleben der
Alpenwelt» erstaunlich präzise schildert. Um
sich vom Verdauungsballast zu befreien,
entleeren die Tiere am letzten Tag im Freien
noch vollständig den Darm. Und bevor sie sich
zur Ruhe legen, verstopfen sie von innen die
Eingangsröhre mit einem meterlangen Pfropfen
aus Erde, Steinen, Lehm und Gras, um Steinmarder
oder Hermeline fernzuhalten. Der nun einsetzende
Schlaf ist fast todesähnlich: Das Herz schlägt
anstatt 100-mal pro Minute nur 1- bis 2-mal;
geatmet wird noch 2- bis 3-mal pro Minute; die
Körpertemperatur sinkt von 36 auf 5 Grad
Celsius. So reduziert sich der Sauerstoffbedarf
auf einen Zwanzigstel des Normalverbrauchs.
Sinkt die Temperatur im Bau zu stark (etwa wenn
in schneearmen Wintern die isolierende
Schneeschicht über dem Bau dünn ist), werden
die Murmeltiere wieder warm und erwachen, damit
sie nicht erfrieren. Auch bei normalen
Verhältnissen tauchen die Tiere alle paar
Wochen für Stunden aus dem Koma auf, um in
einer separaten Toilettenröhre die langsam voll
gewordene Blase zu leeren. Solches temporäre
Warmwerden kostet jedoch wertvolle Energie,
weshalb die ganze Sippe synchron erwacht und so
von der gegenseitigen Wärmeproduktion
profitiert. Für die Jüngsten mit ihrem noch
geringen Fettinventar ist solch mehrmaliges
«Auftauen» überhaupt nur dank der Wärme der
Grossen möglich. Das Murmeltier mag dem
Bergwanderer zwar vertraut erscheinen. Da es
aber 90 Prozent der Zeit im Dunkeln der Gänge
und Kammern lebt - ausser in den Wintermonaten
auch während der Sommernächte und in den
heissen Mittagsstunden -, ist manches in seinem
Tun noch rätselhaft. So weiss man nicht, wie
die Tiere im unterirdischen Labyrinth
miteinander kommunizieren und sich orientieren.
Und erst Beat Naef hat mit seinen Feldstudien im
Berner Oberland um 1980 gezeigt, dass Marmota
marmota, das Alpenmurmeltier (es gibt in
Nordamerika und in Asien noch 13 weitere
Murmeltierarten), in treuer Ehe lebt. Auf ihrem
Territorium von etwa drei Hektaren dulden
«Bär» und «Katze» keine fremden
Artgenossen. Das Männchen patrouilliert
regelmässig entlang der Grenze und reibt das
moschusähnliche Sekret seiner Wangendrüsen an
Steinen, Wurzeln und Erdstellen. Findet der
Hausherr einen Fremdling im Revier, lässt er
den gesträubten Schwanz wie einen Propeller
wirbeln, katzbuckelt und rasselt mit den
Zähnen. Zieht der Eindringling jetzt nicht
sofort Leine, stanzen ihm messerscharfe
Nagezähne blutige Löcher in den Pelz. Die Wut
des Bären kann auch den Sohn treffen. Die
beiden Alttiere dulden die Anwesenheit der
Jungen nur bis zu ihrer Geschlechtsreife im
dritten Lebensjahr. Mit rasch eskalierender
Aggression treiben die Alten die Halbwüchsigen
aus dem Revier. Die schwierige Suche nach freiem
Wohngebiet und wärmendem Partner überleben
kaum zehn Prozent der Emigranten; man hat schon
verlorene Söhne und Töchter auf Gletschern und
in Felswänden gesichtet. Das Leben der
Murmeltiere hat früher zu wilden Spekulationen
geführt. So ging bis in unsere Tage die Mär,
die Murmeltiere arbeiteten im Sommer als
Wildheuer, indem sie frisches Gras rupfen und
dann zum Trocknen auslegen. Und wie sie die für
das Winternest nötigen 15 Kilogramm Heu dann in
den Wohnkessel bringen, wusste schon Plinius der
Ältere: Männchen und Weibchen fassen
abwechselnd mit den Pfoten dicke Büschel, legen
sich auf den Rücken, packen mit den Zähnen den
Schwanz des Partners und lassen sich so mit
ihrer Fuhre in den Bau schleppen. Das vom alten
Römer gelieferte Argument, solcher Transport
erkläre das bei Alttieren sichtlich abgewetzte
Rückenfell, widerlegte bereits Tschudi mit der
Beobachtung, dass die fehlenden Fellhaare nicht
am Boden, sondern an der Decke der engen
Tunnelröhre kleben. Wie das Heu in den
Schlafkessel kommt, weiss man mittlerweile
zuverlässig: Die Murmeltiere rupfen gegen Ende
des Sommers fleissig verdorrtes Gras, stopfen es
für den Transport in die enge Unterwelt quer in
den Mund, wobei zu weit abstehende Halme
geschickt mit den Pfoten zurechtgerückt werden.
Tschudi wehrte sich auch gegen die Legende, in
den Murmeltierkolonien gebe es Wächter, die mit
Pfiffen die Genossen vor Gefahren warnen und
durch dieses selbstlose Tun als Erste einer
Attacke zum Opfer fallen. Vielmehr beobachten
sämtliche erwachsenen Tiere in kurzem Intervall
die Umgebung. Und der Erste, der etwas
Verdächtiges sieht, pfeift. Der Pfiff ist
genaugenommen ein Schrei, den das Tier mit
geöffnetem Mund als Stimmlaut in seiner Kehle
erzeugt. Wie subtil diese akustische Information
ist, erhellten neuere Studien: Eine
Adlersilhouette wird mit einem Einfachpfiff
avisiert. Nähert sich ein Fuchs, ertönen in
rascher Folge Kurzpfiffe. Was diese Kooperation
nützen kann, zeigt eine Beobachtung im
Münstertal, wo ein Adlerpaar zur Aufzucht
seines Jungen während eines Sommers 28
Murmeltiere zum Horst brachte. Adler und Fuchs
sind indes für die Murmeltiere keine
existentielle Gefahr. Das ist eher der Mensch.
Obwohl schon früh von den Behörden verboten,
war das winterliche Ausgraben der schlafenden
Tiere lange eine beliebte Wilderermethode. Als
auch die legale Jagd mit Abschusszahlen von 16
418 Murmeltieren allein im Jahre 1945 die
Bestände in den Schweizer Alpen bedrohlich
reduzierte, verstärkten einige Bergkantone den
Schutz. Heute schiessen die Bündner Jäger
jährlich um die 5000 Tiere. In lokalen
Apotheken wird nach wie vor das aus dem Tierfett
gewonnene «Munggenöl» angepriesen. Die
Naturmedizin soll besonders gegen Rheuma und
Gicht wirken. Denn dank diesem Fett bleibe doch
auch das Tier in seinem feuchtkalten
Winterquartier gesund, argumentiert das
gläubige Volk. NZZ-Format
/johu