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Spezielles:
Mitten in die Talstufe von Pfaffensprung tritt bei Gurtnellen von Nordwesten her über eine Mündungsstufe das Gornerental ins Reusstal
ein, ein klassisches Trogtal ohne jede Störung, ohne Besiedlung und
selbst ohne Zufahrt.
Alp: Besatz (Tiere) 68 Kühe , 18 Rinder , 15 Kälber , 2 Stier , 14
Schweine
Sehr gut erhaltenes Senngebäude: Gebiet: 170 ha
Obwohl sich die Kühe abwechslungsweise auf den Stafeln
befinden, wird die Milch zentral in der gut eingerichteten Sennhütte
auf dem Ruepenstafel verarbeitet. Ein Kessel mit 1100 lt Inhalt, welcher
mit Heißwasser beheizt wird, steht zur Verfügung. Die Energie wird mit
einer Holzfeuerung erzeugt. Käselager : 6000 kg Urner
Alpkäse
Die 19 Alpgenossen sind für den Verkauf des Käses selbst
verantwortlich.
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Vom
Gorneren- ins Erstfeldertal Jb. SAC 1883 (M.
Mächler)
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Zwischen
der das Meiental nördlich begrenzenden Bergkette des Schynstocks, des
Glattenstocks, der Schafscheuche u.s.w., und den Ausläufern der Titlis-
Spannortgruppe gegen das Reusstal hin liegt ein einsames, wildes
Alpental. Es ist nur während etwa zwei Sommermonaten von einigen
anspruchslosen Alphirten bewohnt. Im Gornerental , von dem ich hier
sprechen will, herrscht Schrecken und Tod im Winter, Schrecken und Tod
aber auch im Sommer. Jähe Felsstürze zerstören oft in wenigen Minuten
das idyllische Bild eines reizenden Älplerlebens. Die braven Leute ab
Gurtnellen wissen davon zu erzählen. Schon im Frühjahr 1882 hatte ich
mir vorgenommen, sobald die Witterung und Schneeverhältnisse es
gestatten, diesem Tal einen Besuch abzustatten, um für eine spätere
Tour den Aufstieg aus dem Tale zum Saasfirn zu rekognoszieren. Zu dem
Zwecke drang ich schon am 7. April 1882 mit zwei anderen Clubgenossen
der Sektion Gotthard bis zur Hobengalp vor. Es war ein teilweise recht
mühsamer Weg, in tiefem weichem Schnee, doch der Weg war lohnend. Das
Resultat der Tagfahrt ist die beigegebene Ansicht vom Hintergrunde des
Gornerentales, das Fazit der feste Entschluss zur Besteigung des
Krönten mit Abstieg nach dem Erstfeldertal. Die "Spichern"
(Speicher 1289 m) oder den eigentlichen Eingang zum Gornerental erreicht
man vom Reusstal aus auf drei verschiedenen Wegen. Der am meisten
begangene dürfte der gewöhnliche Kirchweg von der Gotthardbahnstation
Gurtnellen nach dem Gurtnellerberge sein. Etwas unterhalb der Kirche
zweigt links zurückführend der eigentliche Alpweg von Gurtnellen nach
der Gornernalp ab.
Die Stäubentanne
Direkter führt uns ein zweiter Weg von der Station Gurtnellen nach
den "Spichern". Derselbe ist Anfangs scheinbar ein
gewöhnlicher Privatfusspfad und führt linksseitig des Gornerbaches
durch den Wald hinauf bei der sogenannten Stäubentanne vorbei. Diese
Stäubentanne ist ein stark besuchter Wallfahrtsort der Urner
Oberländer. Der Sage nach hat hier einst eine arme Mutter, die ihr
einzig Kind verloren, bei dieser Tanne ein Marienbild gefunden und es
pietätvoll mit heimgenommen. Als sie nicht lange hernach wieder bei der
Tanne vorüber wollte, da war, oh Wunder, das Bild wieder bei der Tanne
und das arme verlassene Mutterherz erkannte, das die Gnadenmutter damit
sagen wollte, sie sei hier an verlassener Stelle eine Trösterin aller
Verlassenen und Bekümmerten. Die Stäubentanne wird, so sich kein
zweites Wunder mehr ereignet, einst morsch und altersschwach werden, der
fromme Glaube des Urnervölkleins wird sie überdauern und die Stelle
dereinst mit einem Kirchlein zieren. Von der Wundertanne aus führt ein
schmaler Fussweg im Zickzack den Berg hinan bis zum oben angeführten
Alpweg. Links braust und donnert der Gornerbach in tiefer, oft sehr
malerischer Schlucht dem Reussthale zu. Wer übrigens, wie der Verfasser
dieses, einmal das Vergnügen gehabt hat, während der strengsten
Winterszeit bei Nebel und Schneefall 2 bis 3 Tage lang in solcher
Schlucht Messtischaufnahmen für Schichtenpläne aufzunehmen, der legt
nachher dem Malerischen der Sache etwas weniger Wert bei und eilt
weiter, neuen, weniger bekannten Gegenden zu. Ausser den beiden
genannten, von Gurtnellen ausgehenden Wegen führt auch noch ein dritter
von Wassen resp. vom Pfaffensprung aus nach den Gornerental. Derselbe
zweigt beim sogenannten Pfaffensprung am linken Reussufer von der
Gotthardstrasse ab und führt über Häggrigen und Egg nach den Spichern.
In Gorneren
Gewaltig bepackt und noch ohne Begleiter wanderte ich am Morgen des
12. August 1882 diesen letzteren Weg, das Wetter versprach, auf zwei
Tage mindestens, herrlich zu bleiben. Wenn man den Wald von Egg bis
Spichern emporgestiegen ist und denselben zu verlassen im Begriffe
steht, so hat man sofort einen mächtigen Wall Lawinen- und
Rüfenschuttes einer vom Leidstock her kommenden Kehle zu
überschreiten. Hier musste ich mich nun noch zuerst nach dem bereits
bestellten Träger umsehen, den Steg bei 1289 überschreiten und auf dem
linken Bachufer etwa 80 m abwärts wandern, wo ich denn auch meinen
Mann, Namens Anton Tresch, vorfand, jedoch durchaus nicht etwa in
Reisebereitschaft. Tresch schien der Sache nicht ganz zu trauen, da er
gutmüthig einwarf: "Ich chumä scho mit, aber d' Chindi weiss ich
de halt nit". Nachdem ich Ihn über seine Besorgnisse beruhigt und
wir noch tüchtig gefrühstückt hatten, brachen wir, es war morgens 8
Uhr, gegen Rosti auf. Versehen waren wir mit etwas Holz zum Feuern,
Requisiten zum Zeltbiwak, Proviant etc. Schon nach 10 Minuten waren wir
wieder am obgenannten Wall und ich freute mich erst jetzt, nachdem die
bisher etwas zweifelhafte Begleitung gesichert war, des prachtvollen
Anblicks der Berge im Talhintergrund. Der Vordergrund sieht weniger
sympatisch aus, überall zu beiden Seiten des Thales steiles,
zerrissenes Felsgehänge, zu Füssen der Gehänge zum Theil mit
Vegetation bedeckte, aber bis an die Gornerbachufer mit Felstrümmern
übersäte Schuttkegel, einer dicht neben dem anderen, meistens schon
nahe an der Spitze in einander übergehend. Bei Grub sind die letzten
ordentlichen Ställe, Von da ab führt der Weg auf dem linken Bachufer
in fast gleichmässiger Steigung talaufwärts bis zu den im Blatt 394
angedeuteten Häuser bei Bissig- oder Ruppenstafel. Diese
Gebäulichkeiten verdienen aber nicht einmal den Namen Hütten,
vorhanden ist jetzt nur noch ein etwas elendes Trockengemäuer, dem die
Überdachung ganz oder teilweise fehlt. Beim Ruppenstafel setzt der Weg
über den Gornerbach, d.h. er geht aufs rechte Ufer desselben. Von da ab
scheinen eben die Steinschläge vom Geissberg oder Wittenstock her
bedeutender und gefährlicher zu sein, als die vom südlichen Talabhange
her, daher der sonst gänzlich unmotivierte Übergang des Weges.
Alp Rosti
Unmittelbar vor der Alp Rosti, wo sich zwei Sennhütten mit diversen
primitiven Ställen vorfinden, überschreitet der Weg den Bach wieder,
diesmal aber nicht, oder doch kaum, um der Gefahr der Steinschläge
auszuweichen; denn zwischen diesem Steg und den Rostihütten hat am 15.
August 1880 ein einziger Steinschlag über 15 Stück Rindvieh
erschlagen. Noch jetzt liegen auf dem sonst hübsch grünen Schuttkegel
der Rostialp weit herum versäht, die frischen Trümmer des
Glimmerschiefergesteins, das Tod und Verderben der friedlich weidenden
Herde und gewiss auch grossen Jammer in manche arme Familie der Gemeinde
Gurtnellen brachte. Es wäre wohl besser, wenn ein Theil dieser
gefährlichen Schutthalden aufgeforstet werden könnte, ihr Ertrag aus
der Alpwirtschaft ist ohnehin gering und im ganzen Thale von den
Spichern kein Holz mehr vorhanden, so dass der Älpler das Holz entweder
eine Stunde weit tragen oder mit Feuerung durch Alpenrosenstauden (im
Urnerland auch, den tessinischen Giup entsprechend "Juppen"
genannt) sich behalfen müssen. Ob die Aufforstung trotz der im Winter
und Frühjahr überall niederstürzenden grösseren und kleineren
Lawinen möglich ist, wage ich freilich nicht zu entscheiden. Kurz vor
10 Uhr war die Rostihütte (1588 m) erreicht, wie die meisten Alphütten
im urnerischen Oberland, bietet auch sie das Minimum vom Bequemlichkeit;
man kann darin doch kam fröhlich aufrecht stehen. Dagegen treffen wir
da recht freundliche Sennen, die sich gewaltig wundern, das wir uns an
den "höchsten" Krönten wagen wollen. Nach einer kräftigen
Erfrischung durch warme Milch, Brot und Zieger wurde von einem anno 1880
zu Thale gefahrenen Steinblocke aus die Aussicht des Tal -Hintergrundes
(Rotbergli bis Zwächten) aufgenommen und dann punkt 12 Uhr
abmarschiert. Es war allerdings bei dieser Hitze nicht die günstigste
Tageszeit zu marschieren, es galt aber, im möglichst hoher Lage einen
passenden Biwakplatz aufzufinden, sich wohnlich einzurichten und wo
möglich noch etwas zu zeichnen.
Balmen, Hobeng
Auf sehr bequemen Weg gelangen wir nach Balmen (1650 m). Die Talsohle
ist hier etwas sumpfig, auch viel breiter als sonst irgendwo im Thale.
Unter grossen, vom Balmenstock niederstürzenden Felsblöcken mögen
vermutlich die Gorneralphirten vor Erbauung ihrer komfortablen Gemächer
ihre Schlafstätten gefunden haben, daher der Name Balmen; denn der
Urner nennt alles überhängende, irgendwelchen Schutz bietende Gestein,
nicht nur den überhängenden festen Fels eine Balm. Ich bin auch
entschieden der Ansicht, dass der Balmenstock seinen Namen von diesen
Blöcken und nicht umgekehrt letztere, resp. die Gegend um sie herum ihn
vom ersteren erhalten haben. Wir gelangen, instinktiv wieder auf die
rechte Talseite hinüber marschierend, allmählich zu dem Punkt 1814, wo
die Hobengalphütte stehen sollte, finden aber statt der Hütte nichts
als einige grosse Blöcke, an deren einem sich zwei unbedeckte
Trockenmäuerchen anlehnen. Der Abschluss des Thales liegt vor uns;
rechts taucht der Krönte, unser Reiseziel für morgen, mit seinem lang
gestreckten Rücken empor. Unverweilt wird weiter marschiert bis zu dem
Punkte, wo sich der vom Bächlifirn her kommende Bach mit demjenigen des
Haupttales vereinigt, dann der Bach überschritten. Dicht unter der Fluh
hin führt uns ein nun ein kaum bemerkbares Geissweglein hinauf in die
gegen den Saasstock führende Kehle. Nach Blatt 394 des
Siegfriedatlasses zieht sich der Abfluss des das Saasfirns durch diese
Kehle, was unrichtig ist. Genannter Gletscherbach führt weiter westlich
in ganz enger, tief eingeschnittener Rinne zu Thal. In der grossen Kehle
fliesst nur ein ganz unbedeutendes Wässerlein. Es war ein heisses
Stück Arbeit bei dieser Tageszeit. Nach einer halben Stunde gelangen
wir an eine Stelle, wo gemäss unserer Rekognoszierung die Kehle
verlassen werden muss; es gilt eine kleine Kletterpartie über glatte
Platten und steiles Felsgehänge, die Vorsicht und sicheren Fuss
erforderte, übrigens aber harmloser Natur ist. In einer Viertelstunde
schon sind wir oben auf einem weichen Rasenbödeli, auf dem sich's
herrlich ausruhte und auf dem der Kirsch mit Zuckerwasser und Brot gar
trefflich mundete. Der Ausblick erweitert sich bereits und das Auge
erfrischt sich an den wilden, abwechslungsreichen Formen der
Bächlistöcke und des Zwächten. Wir haben die Höhe von ca. 2250 m
erreicht, doch ist es immer noch früh am Tage und wissen wir auch, dass
wir kaum über 2400 bis 2500 m werden biwakieren können. Also: Eile mit
Weile! Langsam ansteigend merken wir uns bereits einzelne günstige
Plätzchen für das Zeltlager, die wir im Notfalle wieder finden werden.
Noch sind wir in guter Schafweide; wir sehen aber weit und breit herum
keine Schafe, überhaupt weit und breit kein lebendes Wesen. Doch dort
unter dem Spitzplankfirn krabbelt eine Herde Schafe an ödem Hang herum,
kaum dem freien Auge bemerkbar und nur in Folge ihrer Bewegungen von den
weissen Felstrümmern unterscheidbar. Es war am 2. September 1881, als
dort drüben an der Schafscheuche eine ganze grosse Schafherde von 180
Stück in Folge eines Steinschlages sich in voller Angst über eine hohe
Felswand hinunter stürzte und jämmerlich zu Grunde ging. Man sieht,
der Berg trägt seinen Namen noch immer mit vollem Recht.
Das Biwak
Um 3 ½ Uhr sehen wir uns endlich in der der Höhe von ca. 2500 an
einem relativ sehr günstigen Plätzchen angelangt; wenig höher beginnt
die nackte wüste Moräne des Saasfirns und so erklärte ich meinem
Begleiter nach kurzem Besinnen: Hier ist gut sein, lass uns eine Hütte
bauen. Gesagt getan. Das Wetter ist ganz zweifellos gut, die Nacht wird
wahrscheinlich nicht sehr kalt, also braucht es keine allzu grossen
Schutzmassregel. Rasch errichten wir nord- und westwärts cirka einen
Meter hohe schützende Mäuerchen um den Zeltplatz, dann werden von Hand
und mit dem Pickel trockene Rasenstücke von den Felsen gerissen und
geschürft, dann in zwei bis drei Lagen über einander geschichtet und
noch vor Sonnenuntergang ist das Zelt, das im Notfalle auch vier Mann
hätte beherbergen können, darüber errichtet. Sodann holte Tresch noch
Wasser aus dem nahen Gletscherbach, worauf wir uns zum Abendessen
anschicken. Der Abend ist wundervoll, die Berggipfel uns gegenüber
leuchten in vollem Purpurglanze. Immer mehr tauchen sie hinunter in des
Thales Dämmerung. Gewiss, es sind weihevolle Stunden, die der
Alpengänger in solchen Gegenden zu verleben das Glück hat. Rings herum
die Totenstille einer wilden, hehren Gebirgsnatur. Kaum dass uns das
kurze Gekrächze eines Schneehuhns oder das Geräusch eines von den
immer tätigen Gebirge niederstürzenden Steinbrocken in unserem
eifrigen Sinnen, Staunen und Bewundern zu stören vermöchte. Da fühlt
sich der Mensch so ganz in seiner erbärmlichen Kleinheit, da lernt er
die ganze ungeheure Allmacht des Schöpfers der Welten so recht und tief
erkennen und schätzen. Was schon so viele vor mir gefunden und
ausgesprochen haben, ich muss es doch auch hier wiederholen: In solchen
Stunden kennt der Mensch in Gesellschaft eines Anderen keinen
Unterschied der Bildung, des Standes, der Anschauungen und es ist mir
dies auch so gegangen. Mein Anton Tresch ist ein Mann von höchst
beschränkter Weltanschauungen; er vermochte allerdings meine
Bewunderung der hehren Gebirgswelt kaum zu teilen, nicht einmal zu
begreifen, wusste er ja, sozusagen, keinen Namen von Bergen des Tales,
in dem er von frühester Jugend an jährlich einige Sommermonate verlebt
hatte. Allein es zieht uns Menschen doch immer wieder zu Menschen, wir
müssen uns doch, wenn auch in möglichst einfacher Weise, mit ihm
unterhalten, wir plaudern von unsern Familien beinahe, als ob wir in
nächster Verwandtschaft stünden. Wir plaudern von Freiheit und
Vaterland, obgleich selbstverständlich mein guter Tresch hievon nur
soviel versteht, dass er weiss, dass auch er für seinen Teil in Altdorf
eine väterliche Regierung, die für ihn zeitlebens, und in Gurtnellen
einen wackeren Kaplan besitzt, der für sein ewiges Heil und Wohlergehen
besorgt ist. Derweil die Dämmerung einbricht, wird zur bleibenden
Erinnerung an diesen Abend noch der Biwakplatz mit Schneehühnerstock
und Saasfirn skizziert; indessen bringt Tresch Holz und Reiseeffekten
sorglich unter Dach. Um halb 9 Uhr Rückzug ins Zelt. Anfangs benutzen
wir die Reisedecke als Unterlage, doch schon nach einer Stunde machte
sich die Kälte so empfindlich spürbar, dass wir vorzogen, auf dem
blossen Rasenteppich zu liegen und die Decke über uns auszubreiten. Die
Nacht brachte, wenigstens für mich, wenig Schlaf. Kurz nach 2 Uhr
krochen wir aus dem Zelt, war es drinnen punkto Temperatur noch
erträglich gewesen, so fingen wir jetzt, kaum unter dem schützenden
Tuch hervorgekrochen, sofort an lebhaft um die Wette zu schlottern. Doch
nach wenigen Minuten brannte ein lustiges Lagerfeuer, an dem wir in
einer Flasche mitgenommenen " Schwarzen" etwas erwärmten und
uns mittels Fleisch- und Eierspeisen für die Mühen der bevorstehenden
Tagfahrt zu kräftigen suchten. Alles Überflüssige und Brennbare
wanderten in die Flammen, selbst die zwölf buchenen, eigens zu diesem
Zwecke geschnitzten Zeltpflöcke, so dass wir beim behaglichen Feuerlein
sitzen konnten, bis die Morgendämmerung soweit fortgeschritten war,
dass wir den Angriff auf den zunächst liegenden Moränenwall wagen
durften.
Aufstieg zum Krönten
Der Morgen war prachtvoll, der Sternenhimmel von untadelhafter
Reinheit, der Eindruck von der soeben verlebten Nacht ein erhebender,
als wir um 3 Uhr das eigentliche mühevolle Tagwerk wieder aufnahmen.
Der Wall wurde im Halbdunkel vorsichtig erklommen, dann, bereits bei
Tageshelle, das dahinter liegende Tälchen überschritten. Sodann wird
der ziemlich steile, untere Firnhang genommen, indem wir die Absicht
verfolgen, mehr gegen die Felswände des Krönten hin zu kommen, wo der
Gang über den Firn offenbar günstiger ist. Obschon an und für sich
der Firn ganz ungefährlich erscheint und es auch für Leute von Routine
sein mag, wollte ich dennoch die Benützung des Seiles nicht
verschmähen. Wir binden uns also ans Seil und ich nehme die Führung.
Im Anfang geht es rasch über das sanft ansteigende, harte Eis. Der
Schnee ist hier in Folge Wärmereflexion der Felswand total geschmolzen.
Nach und nach kommt harter Firnschnee und noch weiter, gegen den Sattel
(Punkt 2831) hin, liegt über dem alten, frisch gefrorener, neuer
Schnee. Auf der ganzen Firnpartie begegnen wir nur wenigen,
unbedeutenden und leicht passierbaren Schründen. Oben wo sich das
Couloir zwischen Schneehühnerstock und Krönten immer mehr verengt und
die Passage steiler zu werden beginnt, fangen wir an zu traversieren.
Ein Stufenhauen aber ist überflüssig. Endlich stehen wir am
Bergschrund, einer weit klaffenden Spalte, über welche direkt zu
gelangen höchst gefährlich erscheint, da jenseits der Firn beinahe
senkrecht zum Sattel ansteigt. Also halten wir uns rechts gegen die
Felswand und suchen den Schrund dort zu übersetzen. Dies gelingt, nicht
ohne einen kleinen Durchbruch. In wenigen Minuten gelangen wir über den
zerklüfteten Fels kletternd hinauf in den Sattel. Wie ich auf die
weite, weisse Fläche hinaustrete, spaziert gemächlichen Schrittes ein
Gemslein, keine 200 m weit von uns entfernt an uns vorüber, den
Spannörtern zu. Nach einer Rast von 20 Minuten, während ich mich in
vollen Zügen an dem prachtvollen Ausblick gegen Norden weidete, treten
wir unseren Abstecher, die Besteigung des Krönten, an. Der Marsch
führt, beständig in östlicher Richtung, anfangs über eine steile
Schneelehne, teilweise von Trümmerfeldern durchsetzt, die mit Vorsicht
überschritten werden müssen. Wie ich beim Abstieg bemerkte, hätten
wir viel besser daran getan, gleich anfangs die äusserste Gratkante zu
verfolgen. Die zweite Hälfte des Weges, vom Sattel bis zum
Kröntengipfel, führte uns meist über feinen Schutt kristallinischen
Schiefers, es war ein reiner Spaziergang. Wie wir uns einmal über den
Grat hinaus lehnen, um auf den Saasfirn zu unseren Füssen nieder zu
schauen, macht mich der scharf auslugende Tresch auf drei Gämsen
aufmerksam, die auf den schmalen Bändern zwischen dem Saasfirn und uns
sich an spärlicher Weide gütlich tun. Von Schneehühnerstock kommt
soeben eine vierte. Die Tiere scheinen keine Ahnung von uns zu haben, so
harmlos tanzen sie auf den Steinen herum. Erst das Geräusch eines über
die Felswand geworfenen Steinchens macht sie etwas stutzig und als wir
uns erst mit hellen Jauchzern hören liessen, das war ihres Bleibens
nicht mehr und sie stürmten in wilder, verwegener flucht von dannen,
den Saasstöcken zu.
Sage
An diese Lokalität wird sich wohl die in Erstfeld gehende Sage
knüpfen, welche mit Pfarrhelfer Wipfli in dort freundlichst mitteilte.
Ein Erstfelder Jäger war auf der Gemsjagd am Krönten. Blöder Eifer
führt ihn auf immer gefährlichere Wege, frischen Gemsspuren nach.
Endlich kommt er an eine sogenannte Balm, wo nicht nur die Tierspuren
plötzlich aufhören, sondern sich auch die Unmöglichkeit zeigt, weiter
zu gelangen, ja er schrickt jetzt selbst vor dem Rückweg als
verderbens- und totbringend zurück. Ratlos will er sich unter die Balm
zurückziehen. Doch was ist das? Unter der Balm liegt das bleiche
Gerippe eines unglücklichen Vorgängers, neben demselben die verrostete
Büchse und eine noch ziemlich gut erhaltene Weidmanntasche. Der Mann,
der vorher weder Beschwerde noch Anstrengung noch Gefahr gefürchtet
hatte, erblasst ob dem grausen Schicksal, das seiner sicher wartet. Er
weiss, dass die Reste dort unter der Balm einem längst vermissten,
seiner Verwegenheit rühmlichst bekannt gewesener Gemsjäger, der
seinesgleichen nicht hatte angehören. Er weiss jetzt, dass er binnen
Kurzem erfroren oder verhungert neben jenem dort unter der Balm den
ewigen Schlaf antreten wird. Verzweiflungsvoll wirft sich der Ärmste
auf die Knie und bittet Gott um Rettung. Er macht ein Gelübde, er will
ein Gott wohlgefälliges Werk vollbringen, falls er gerettet wird. Er
ruft verzweiflungsvoll um Hilfe, obschon er wissen könnte, dass auf
Stundenweite keine Menschenseele sich aufhält, die ihm helfen könnte.
Und doch, auf einmal hört er Stimmen aus der Tiefe. Mit grösster
Anstrengung verstärkt er seine Hilferufe, er wird bemerkt und nach
langen, qualvollen Stunden aus seiner Notlage befreit.
Der Name "Krönten"
Um 6 ½ Uhr, wir gingen wir den ganzen Morgen sehr langsam, war der
Gipfel des höchsten Krönten erreicht. Sobald man demselben näher
kommt, begreift man ganz leicht, woher der Name "Krönte, Krönten
oder Krönlet" stammen. Der eigentliche, langgestreckte Bergrücken
ist auf der höchsten Stelle mit einen turmartigen Belvédère gekrönt
das sich noch ca. 8 bis 10 Meter über den Hauptgrat erhebt. Südlich
hinter diesem Belvédère durchzieht sich der Hauptgrat. Denkt man sich
an Stelle des schmalen, ca. 4 Meter langen Grätchens, das beide
verbindet, und an dessen beiden Seiten jähe kehlen in furchtbare
Abgründe hinunter führen, eine Fallbrücke, so hat man das
vollständige Bild einer alten Raubritterburg. Der Aufstieg zu dieser
unserer Raubritterburg ist viel weniger gefährlich, als er auf den
ersten Blick erscheint. Das Gestein erhebt sich wohl beinahe senkrecht,
doch es ist so zerklüftet, das es für den schwindelfreien, geübten
Kletterer die Erklimmung ein Kinderspiel ist. Da der Wind mit grosser
Vehemenz um die Bergspitze pfiff, ich meinen Begleiter Tresch, einen
Familienvater von sechs Kindern keiner Gefahr aussetzen und selbst
Familienvater, nicht allein hinaufgehen wollte, obwohl mich der Reiz
lange kitzelte, so verzichtete ich endlich auf den Turm. Allerdings trat
zu obigem die Erwägung, dass derselbe dem vollen Genusse des Panoramas
ja ger nicht im Wege sei. Ich will nun, während wir uns bei der Flasche
Sassella niederlassen, dem verehrten Leser nicht etwa des langen und
breiten mit Aufzählung all' der mächtigen Häupter, Gipfel und
Gipfelchen aufwarten, die sich rings um den Krönten herum erheben.
Panorama bleibt Panorama. Gewöhnlich sind es wenige charakteristische
Momente, die das eine vom anderen unterscheiden, und diese sind fast
immer zunächst Standorts zu suchen. So z. B. beim Bristenstock ist es
das Reusstal mit dem See und das Maderanertal, beim Scheerhorn die
Tödi- und Windgällen- Ruchen Gruppe, beim Lochberg die Dammakette, an
die sich unsere blicke immer und immer wieder heften. Hier oben auf dem
Krönten sind es vornehmlich die Titlis- Spannortgruppe, dann auch die
schlanke Form des grossen Windgällens, der Fleckistock und die
Sustenhörner, die teils durch das Charakteristische der Form in
bevorzugter Weise unsere Aufmerksamkeit wach halten. Bei günstigen
Windverhältnissen würde ich wohl versucht haben, wenigstens diese
hervorragenden Partien auf das bereits vorbereitete Panorama zu bringen,
allein der Wind wurde geradezu unausstehlich, dass ich froh sein musste,
noch den Kröntengipfel skizzieren zu können. (…)
Rückweg durchs Erstfeldertal
Um 8 ½ Uhr wird der Rückmarsch angetreten und dabei bis zum Sattel
zurück der Felsgrat verfolgt. Von dort ab binden wir uns
vorsichtshalber, aber jedenfalls auch wieder in unnötiger Weise, ans
Seil, dann geht's in raschem, sehr regelmässigem Tempo gegen das
sogenannte Grau hinunter. Südöstlich vom Punkt 2374 des Blattes 390,
klettern wir lange Zeit zwischen beiden Bächen die steile, felsige
Lehne hinunter, mit beständigem blick auf den düsteren Obersee. Etwa
150 Meter über dem Seespiegel wenden wir uns gegen den vom Obersee-
Männtli gegen den Seekessel sich hinziehenden Felswall, überschreiten
denselben, verfolgen auf dessen Nordseite ein über verschiedene Bänder
hinunter führendes Geissweglein und kommen endlich um ca. 10 Uhr an
hübschen Wasserfällen vorbei zur Fulenseealp. Nun frägt sich, welchen
der beiden sich hier trennenden Wege wählen? Ich hielt den Weg, der
sich über den vom Paukenstock gegen den Fulensee sich hinziehenden
Bergrücken führt, weil kürzer und hoch an der Tallehne liegend, daher
bessere Aussicht über das Tal gewährend für günstiger, musste aber
später meine Auswahl bereuen. Der Weg zieht sich nämlich eine grosse
Strecke weit durch Niederwald, der den Ausblick auf das Tal hemmt,
sodann ist dieser Weg über die Massen schlecht, sumpfig und
stellenweise sehr steil und holperig. Wie ich später vernahm, ist der
Weg am Fulensee vorbei nach dem Altstaffel hinunter viel besser und
interessanter, besonders auch des hübschen Wasserfalles wegen, der sich
hinter der Kühplankenalp über die Felswand ergiesst. Im Übrigen ist
das Erstfeldertal einer grossen Anzahl von Clubgenossen aus eigener
Anschauung bekannt; gar viele haben von der Station Erstfeld aus schon
mit bewundernden Blicken zum Schlossberggletscher und zu den kühn
aufgebauten Wänden des Schlossbergs hinaus geschaut. Also eilen wir
weiter hinunter durch die saftig grünen Triften, vorbei an den
lieblichen Berghäuschen der Bodenberge, dem schäumenden Alpbach
entlang nach Erstfeld hinunter, wieder in das Gepfeife und Geräusch des
Alltaglebens, zurück wieder zum bitteren Kampf ums Dasein!
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