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Botanischer Rundgang durch das Fellital

Max Rothenfluh, dipl. Natw. ETH  6467 Schattdorf

Kaum hat man die Gotthardstrasse verlassen, beschattet dichter Fichtenwald den Weg. Der Straßenlärm ist nur noch gedämpft zu hören, und von links her beginnt das Rauschen des Fellibaches alle anderen Geräusche zu übertönen. Ein recht steiler, mit Granitblöcken durchsetzter Weg führt ab und zu an den leuchtend gelb gefärbten Blättern einer Birke vorbei. Auch Haselstrauch, Weide, Bergahorn und eine einsame Winterlinde, besonderes aber die roten Beeren des Trauben- Holunders, verleihen der herbstlichen Landschaft Farbe.

Bewusst wähle ich den Oktober für meinen botanischen Rundgang durch das Fellital. Im Herbst heben sich die Laubbäume deutlich vom umgebenden Nadelwald ab.  Da die Blätter der einzelnen  Laubhölzer ganz verschiedene Farbtöne annehmen, wird das Bestimmen auf Distanz leicht gemacht. Beim Höhersteigen treffen wir vereinzelt auf Weißtannen, die sich zwischen Fichten mit hängenden Zapfen einschieben. Immer wieder ziehen die rotbraunen, gefiederten Blätter und die scharlachroten Beeren des Vogelbeerbaumes die Aufmerksamkeit des Bergsteigers auf sich. Dieser Strauch wird uns noch bis zur oberen Waldgrenze begleiten.

Lichte Stellen werden häufig von Himbeer - und Brombeerstauden überdeckt. Im Wald machen sich die Farnkräuter breit, z. B. Tüpfelfarn, Rippenfarn und Wurmfarn, während Blumen, auch im Sommer, nur spärlich vertreten sind. In Felsspalten die Blattrosetten des keilblättrigen Steinbrechs, da ein breitblättriger Ehrenpreis, dort Waldwachtelweizen, Goldrute und Hasenlattich, sie alle säumen den Weg und werden kaum beachtet. Tritt man aus dem Wald heraus, kann man die hier seltene Graslilie an trockenen Stellen betrachten.  Auf dem unteren 

Felliberg fallen zwei Kirschbäume durch ihre Farbenpracht besonders auf. Ein Blick hinüber zum Gurtnellenberg setzt uns in Erstaunen. Im Unterschied zum beinahe düsteren Fichtenwald der rechten Talseite ist der gegenüberliegende Talhang ausschließlich mit Laubbäumen bestanden, die jetzt in allen Farben strahlen. Dieser auffällige Gegensatz, hier Fichtenwald, dort Laubwald, dürfte durch die Besitzverhältnisse bedingt sein. Das Gebiet um Gurtnellen ist Privateigentum. Dort wurde zur Laubgewinnung und Streuenutzung schon früh der Laubwald gegenüber dem Nadelwald begünstigt. Bau und Brennholz bezog man aus den angrenzenden Nadelwäldern, die größtenteils im Besitz  der Korporation Uri sind.

Am Wegrand beim oberen Felliberg steht ein Prachtexemplar einer Buche. Auch unten im Bachtobel und am gegenüberliegenden Hang bis auf 1280 m, stechen einige Buchen durch das Rotbraun ihrer Blätter aus dem dunklen Grün der Fichten heraus. Jetzt  erst öffnet sich das Fellital, das sich vom oberen Felliberg (1130m) in mehreren Stufen bis zur 2840 m hohen Fellilücke hinaufzieht. Auf 1200 m begegnen wir den ersten Legföhren. Heidekraut und Preiselbeere werden immer häufiger und bedecken den Boden über weite Strecken.

Bevor wir bei Hütten (1264m) den Bach überqueren, besuchen wir die grobblockigen Felstrümmer hinter den Alpställen. Nur im südlichen, anschließenden Teil finden wir  hochstämmige Fichten, während die Granitblöcke mit Alpenrosen, Heidelbeeren und Bärlapp überwuchert sind und neben einigen kümmerlichen Fichten, zweinadlige Bergföhren und überraschenderweise fünfnadlige Arven tragen. Das heutige Verbreitungsgebiet der Arve liegt sonst bedeutend höher, und nur an extremen Standorten wie Blockhalden und felsigen Talhängen vermag sich die Arve erfolgreich gegen die erst später eingewanderte Fichte zu behaupten.

Je höher wir steigen, desto deutlicher zeigen sich die Einflüsse der Naturgewalten. Durch Spaltenfrost und Temperaturwechsel zermürbtes Gestein löst sich; Schwerkraft, Bäche und Lawinen besorgen den Transport. Der Fellibach wurde durch kleinere Bergstürze und Schuttmassen aus den kurzen, aber sehr steilen Seitentälern mehrmals gestaut, so dass bei Hütten (1264m), Ronen (1372m), Vorder Waldi  (1508m), Obermatt ( 1841m) und Murmetsbüel (2010m) ebene Flächen entstanden. Diese werden heute von der Alpwirtschaft genutzt, während die nördlich anschließenden Steilabfälle von Fichten und Legföhren beherrscht werden. Der Wald wurde nicht nur aus den Ebenen verdrängt, auch an den steilabfallenden Hängen konnte er sich nur in geschützten Lagen halten. Bei Hinter Waldi (1541 m) ist der Fichtenwald bereits in einzelne größere Baumgruppen aufgelöst.

Weiter in Richtung Obermatt überwuchern vor allem Alpenerlen feuchte Standorte und Lawinenhänge. In ihrer Gesellschaft wachsen häufig hohe, großblättrige Pflanzen, z. B. grauer Alpendost, blauer Eisenhut, Alpen- Milchlattich und rundblättriger Steinbrech. Die trockenen Felshöcker im Rinderboden sind belegt mit Legföhren, zwischen denen Alpenrosen, Heidel - und Moorbeeren in großer Anzahl zu finden sind. Da und dort bringt ein Vogelbeerbaum Leben in die bereits farbarme Ungebung.

 Am Taghorn wird der Fichtenwald auf ungefähr 1650 m durch Arven und Bergföhren abgelöst. Auch gegen Chlüser hinauf zieren knorrige Prunkstücke von Arven den steilen Weg. Über 2000 m werden hochstämmige Bäume immer seltener. Noch eine letzte Arve, einige Weiden, rostblättrige Alpenrosen, Heidel- Moor - und Rauschbeeren, Zwergwachholder und Heidekraut an den windgefegten Kanten die Alpenazalee sind die Kämpfer an der vordersten Front.

Dieser Wechsel in der Vegetation ist klimatisch, teils auch geologisch und morphologisch bedingt. Mit wachsender Höhe stellen wir eine deutliche Zunahme der Niederschlagsmenge fest. Auch die Vegetationszeit wir immer kürzer. Von der montanen Stufe, die bis auf 1300 m hinauf reicht, sind wir ausgegangen. Besonders in sonnigen Lagen dominieren Laubbäume. Ausgedehnte Fichtenwälder beschatten unseren Weg im unteren Teil der subalpinen Stufe, während Arven- und Legföhrenbestände die höheren Regionen dieser Stufe aufbauen. Die alpine Stufe umfasst die baumfreien Gebiete oberhalb der natürlichen Waldgrenze. Herrlich blühende Rasen finden wir im Sommer in dieser Höhe.

Niederschläge, die in Gurtnellen durchschnittlich 150 cm erreichen, steigen auf mehr als 300 cm in den höchstgelegenen Gebieten des Fellitales an. Die Vegetationsdauer nimmt von 6 Monaten auf weniger als 3 Monate ab. Auch wechselnder Untergrund, Lawinen, Föhneinwirkung, mikroklimatische Unterschiede und der menschliche Einfluss, sie alle tragen zur reichen Vielfalt im Pflanzenmosaik bei.

Seit dem 22. Januar 1948 besteht ein Vertrag zwischen dem Kanton Uri und den Schweizerischen Bund für Naturschutz über das Pflanzenschutzgebiet Fellital. Zudem ist das Fellital mit den Maderanertal in der Liste der zu erhaltenden Landschaften von nationaler Bedeutung aufgenommen worden. Dabei wird vor allem der für die Zentralschweiz einzigartige Arvenwald am Felligrat hervorgehoben. Hoffen wir, dass dieses an Pflanzen und Tieren reiche Erholungs- und Tourengebiet möglichst  vollständig künftigen Generationen erhalten bleibt.

Aus: "Das Fellital"
 Separatdruck aus der Festschrift zum 75- jährigen Bestehen der Sektion  Am Albis 1897 - 1972