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Besteigung Oberalpstock mit norwegischen Schneeschuhen 
und zweimal 0.02 Cocain,  am 5. Januar 1896 

Wilhelm Paulcke, V. de Beauclair, P. Steinweg und Baur/ Träger Ambros Zgraggen

Quelle: Alpina Nr. 3, IV Jahrgang, Zürich, den 15. Februar 1896/ und H. Nünlist;  Das Maderanertal/ 
Text gekürzt: Sepp Huber 2005

Proviant für 4 Tage, Seil, warme Sachen, Skis, Schneereifen etc, ergab für jeden  ca. 40 Pfund Traglast, als die Partie am 4. Januar um 6 Uhr früh in Amsteg zu ihrer Skibesteigung  des Oberalpstocks aufbrach. Zwei photografische Apparate  waren ebenfalls mit dabei und zum Tragen der großen Kamera wurde Ambros Zgraggen gedungen. Im Maderanertal lag recht wenig Neuschnee dazu noch verharscht. Vom Balmenwald  über die Heuschleife stiegen sie durch das Steintäli hoch  und betraten um  am Nachmittag 3 Uhr 15 die Hütte von Hinterbalm. Eine verschneite Küche, nur wenig Holz zum Heizen und Kochen und ein spärliches Heulager sorgten dafür, dass die Protagonisten  wenigstens einige Stunden ruhig liegen konnten. Um Mittenacht waren sie bereits wieder auf den Beinen, frühstückten und verließen Hinterbalm um 2 Uhr 15.  Ambros Zgraggen blieb in der Hütte zurück.

Mit Schneereifen verschiedenster Herkunft und Hersteller an den Füssen wurden beim Brunniboden um 5 Uhr die Skier angeschnallt und im blendend weißen Mondlicht damit weiter aufgestiegen. Immer fahler wurde das Licht, immer weißer die Bergspitzen bis diese plötzlich in goldigem  Rot erstrahlten. Nach dem gestrigen, neunstündigen Aufstieg zur Hinterbalm und praktisch ohne Schlaf und  etwas matt und angegriffen wurden die  Kehren des Aufstiegs langsam, sehr langsam. 

0.02 Cocain beseitigte die Schlappheit und das großartige Bild zerrissener Schründe belebte die Geister zusätzlich. Über kleinere Spalten hinüber  und zwischen größeren lavierend- immer auf Skis - betraten sie das Gletscherplateau um um 10 Uhr. Fast eine Stunde wurde gerastet, gefrühstückt und photographiert bevor es zuerst sanft, dann steiler werdend durch Firnfeld empor ging. Leise zischend hinterließen sie eine glatte Aufstiegsspur, doch je höher sie kamen, umso heftiger blies ihnen eisiger Nordwind scharfe Schneekristalle ins Gesicht. Mühsam arbeiteten sie sich hoch, oft wurde Halt gemacht und auf die Zurückgebliebenen zu warten.  0.02 Cocain zeigte abermals erfrischende Wirkung..

1 Uhr 30 betraten sie auf ca. 3200 m den Fuß der Felsen,  die Skis wurden abgeschnallt und unter  die weichsoligen Pelzschuhe kamen genagelte Sandalen. Dann stiegen Paulcke und  de Beauclauir über Fels auf den Schneegrat zum Gipfel. Die beiden anderen warteten unten.

2 Uhr 45  betraten die Beiden den Gipfel und fanden hinter dem Steinmann Schutz vor den scharfen Nordwind. In wunderbarer Klarheit entfaltete sich das Gipfelmeer: Die Tiroler Berge, Silvretta, Bernina, Berner Oberland, bis zum Monte Rosa und Mont Blanc, Spitze an Spitze in schimmerndem Weiß, tief unten im Tal, draußen in der Ebene ein großes Nebelmeer. Der Glanzpunkt aber bildete die kühne Gestalt des alles überragenden Tödi. Trotz aller Kälte konnten sie sich kaum satt sehen und ein jubelndes Ski- Heil tönte über das einsame Gletscherparadies. Denn immerhin war ihnen die erste grössere Skitour mit Hilfe von Skis gelungen.

Als Beweis der Besteigung wurde der Gipfel  auf die photographischer Platte gebannt.  Um 3 Uhr 30 begann der Abstieg zum Skidepot und in sausender Fahrt weiter zur Stelle, wo sie die Schneereifen zurückgelassen hatten. Diese schnallten sie auf den Rucksack und  passierten vorsichtig den Gletschersturz. Dann eilte Paulcke den Gefährten voraus, von denen einer bereits weit oben einen Stock verloren hatte. In prächtigen Kehren fuhr er über den Brunniboden weiter nach Waltersfirren, wo es bereits dunkler und dunkler wurde. Zu Fuß im Scheine der Taschenlampe stampfte er  über verschiedene Lawinen den alten Spuren folgend zur Hütte wo er  abends  um  7. 20 Uhr   Ambros  Zgraggen  von der geglückten Besteigung berichten konnte.

Nun wurde gekocht, Tee  und Suppe waren bereit, als die andern drei Kameraden um 9. Uhr 30 eintrafen. Trotz der Strapazen waren alle guter Dinge, blieben bis 12 Uhr sitzen und kneipten Tee. Nach ziemlich kühler Nachtruhe brachen sie am 6 Januar um 09 Uhr von der Hütte auf und erreichten, öfter  photographierend um 1 Uhr 30 auf gleichem Weg wie beim Aufstieg, Amsteg.

Anhang:
Viktor de Beauclair stürzte später am Matterhorn ab. Paulcke  und de Beauclair mit drei anderen Gefährten vollbrachten 1897 die erste Skidurchquerung des Berner Oberlandes von der Grimsel zum Oberaarjoch, zur Grünhornlücke, zum Rottalsattel  nach Belalp. 1892 gab Paulcke  unter der Dufourspitze auf 4200 Meter auf, weil sein Genosse Helbling sich unwohl fühlte. Paulcke schrieb danach, es sei zu hoffen, dass die abfälligen Urteile über die Nützlichkeit der Skier verstummten - damit ihnen am richtigen Ort sachgemäß verwendet - die verdiente Würdigung zuteil werde. Um diesen Gedanken zu fördern, beschenkte er drei Führer mit Skiern: in Realp, Guttannen und Zermatt.