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| Bergnamengebung |
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Fleigenfatt und Schijen Berge und ihre Namen schaffen Identität. Doch woher die Bergnamen kommen, wird in der Schweiz wenig erforscht und ihre heutigen Namen haben sie erst spät erhalten[1]. Die Alpenbewohner fürchteten sich vor den Mächten, die sie oben in den Bergen vermuteten und mit denen sie nichts zu tun haben wollten. Zudem waren Berge ökonomisch uninteressant – bis ins Mittelalter jedenfalls. Als damals das Essen knapp wurde, drängten die Bauern in die abgelegensten Gegenden und trotzten den geheimnisvollen Mächten mit Bräuchen und Bet- Rufen. Man sömmerte das Vieh auf den Alpen und schleifte die zur Fütterung der Tiere benötigte Wildheuernte im Winter ins Tal. Schon vor über tausend Jahren... Die ersten Menschen, die auf den Alpen wirtschafteten, sind vor über tausend Jahren in die Höhen hinaufgezogen. Davon zeugen die unzähligen verlassenen Siedlungsplätze, die man im gesamten Alpenraum findet. Die Bewohner dieser Siedlungsplätze müssen es wohl auch gewesen sein, die den Berggipfeln zum ersten Mal Namen gegeben haben. Schriftliches ist aus dieser Zeit aber nichts erhalten. Grenzbeschreitungsprotokolle Je mehr Menschen sich auf den Alpweiden aufhielten, desto mehr wurden Alpgrenzen gezogen. Für diese Grenzbeschriebe brauchte es Fixpunkte oder markanten Felsen auch Flur- und Bergnamen. Für die Grenzbeschriebe wurden Befragungen vor Ort durchgeführt und protokolliert. Solche Grenzbeschreitungsprotokolle bilden, zusammen mit Urkunden und sogenannten "Gülten", welche über Besitzverhältnisse Aufschluss geben, den grössten Teil der Quellen, die für die Bergnamenforschung relevant sind. Alte Karten und Geländeskizzen Einen zweiten Quellenfundus bilden alte Karten und Gelände Skizzen, die ab dem 16. Jahrhundert erschienen, jedoch sehr ungenau sind. Immerhin geben sie oft einen Hinweis darauf, welche Berge bereits früh Namen trugen, weil sie offenbar einen wichtigen kulturellen, historischen oder geographischen Wert hatten. Überlieferungskraft der gesprochenen Sprache Die bescheidene Quellenlage ist ein grosses Problem der Berg Namenforschung. Erstaunlicherweise gibt es aber Namen, die im Wortschatz der Einheimischen überlebt haben, heute als Zweitnamen dienen und nirgends schriftlich festgehalten sind. Diese Entdeckungen zeugen von der Überlieferungskraft der gesprochenen Sprache. Menschen, die solche Namen kennen, in der Region verankert sind und den dortigen Dialekt sprechen, sind Gewährsleute für sprachgeschichtliche Untersuchungen. Sie sind die dritte und die wichtigste Quelle, die als primäre Ausgangslage für die Forschungsarbeit dient. Von der Alp zum Gipfel Grundsätzlich sind Bergnamen meist von der Alp aus auf die Gipfel "gewandert". Dazu ein Beispiel: Der Berg, der zur Alp Seewli gehört, hies früher Seewlistock. Die Berggipfel erhielten also vielfach den Namen von einer darunter liegenden Alp. Insofern sind viele Namen, beispielsweise auch das Matterhorn, einfach zu erklären. Die Bedeutung des Alpnamens ist dann eine andere Geschichte, sie gehört aber dazu. Um beim Beispiel des Seewlistockes zu bleiben: Auf der Alp Seewli wurden die Kühe gesömmert, und der „Ziger“ wurde zu Tal getragen, durch den „Zigerweg“. So ist der darüberliegende Berg als in den ersten Karten als „Zigerwegstock“ bezeichnet. Heute heisst der Sewlistock Windgällen und der „Zigerbergstock“ wird als Rinderstock bezeichnet. Die Bildung des Bergnamens Die Bergnamenforschung unterscheidet zwischen Berg und Berggipfel: Als Berg gilt der Bereich, der zwischen Alp und Talboden liegt. Der Name „Berg“ bedeutete auch grundsätzlich etwas anderes als „höhere Erhebung im Gelände“. Der bodenständig mundartsprechende Bergler meint damit vielmehr das landwirtschaftliche Gebiet zwischen Alpweiden und Talweiden. Neben dem Talgut besitzen viele Bauern ein höher gelegenes Gut, eben den „Berg“. Im Kanton Uri gibt es jedoch verschiedene sogenannte „Berge“, die ganzjährig bewohnt sind und folglich von „Bergbauern“ bewirtschaftet werden. Diese unterscheiden bei Bergipfelbenennung von ihrem bewirtschafteten „Berg“ und meinen mit „Stock, Horen, Schijen“ die höhere Erhebung für das, was wir standart-sprachlich mit „Berg“ bezeichnen. Berggipfel präsentieren sich in verschiedene Formen, die dann im Bernamen das "Grundwort", den zweiten Teil des Namens, ergeben: Stock, Horn, Grat, First. Meist erhalten die Gipfel dann das "Bedeutungswort", nämlich den ersten Teil des Namens, durch eine Eigenschaft: Farbe des Gesteins, Form, Flora, geologische Beschaffenheit, Nutzung oder Gefährlichkeit. Schijen, Päuggen, Fleigenfatthoren Ein in der Innerschweiz häufig vorkommender Bergname ist Schijen. Schijen heissen auf Schweizerdeutsch ’Zaunlatten’. Die Schijen sehen tatsächlich wie nebeneinander stehende Zaunlatten aus. Auf die Steilheit deutet der Name Turm. Fulen weist auf das "schlechte" Gestein hin, nämlich auf lockeren, zu Steinschlag neigenden Fels. Die Sprache der Älpler war immer sehr exakt, wie die verschiedenen Begriffe für Werkzeuge, Tätigkeiten und eben auch Örtlichkeiten zeigen. Diese Genauigkeit wurde auch auf die Grundwörter der Bergnamen übertragen. Ein Stock etwa ist durch seine Form exakt definiert: Dieses Grundwort stammt vom Baumstrunk, der oben abgeflacht ist. Mit dem beginnenden Tourismus zu Anfang des 19. Jahrhunderts wurde dieser Begriff verwässert, auf vielen Panoramen und Karten wurde damals den eigentlichen Bergnamen noch –stock angeklebt. Umgekehrt ist zu beobachten, dass gerade in Bergdialekten das –„Stock“ weggelassen wird. Solche Formen sind in der Umgangssprache auch heute noch zu beobachten. Oft wurde ein Wort nicht mehr verstanden und deswegen, wohl eher unwissentlich, volksetymologisch umgedeutet. Die geschichtlichen Quellen der Bergnamen liegen in Urkunden, Regesten, Altgülten, Lexikas, Karten, Reiseliteratur und anderen erzählenden Quellen. Dies zusammen erlaubt, wenn auch nicht vollumfänglich, die Bergnamensgeschichte weitgehend vorzustellen. [1] Nathalie Henseler, Copyrigth by Sepp Huber |